Am Kaiserstrand

Text Norman Kietzmann  Fotos Markus Gmeiner, Bauart  Foto Art Direktion Eva Engel  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published tRAUM 01, 2014

 

Es war eine Rückkehr im doppelten Sinne. Denn nicht nur das frühere Grand Hotel sollte wiederauferstehen, sondern ebenso die Uferpromenade, die für sieben Jahrzehnte hinter Stacheldraht verborgen blieb.

Entscheidend für die Umsetzung des Projektes war das Zusammenspiel von unterschiedlichen Nutzungen. „Um den Umbau der Kaserne zum Hotel zu finanzieren, hat der Wohnbau die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen geschaffen“, sagt „projektart“- Geschäftsführer Roland Pircher. In unmittelbarer Nachbarschaft des früheren Hotelgebäudes wurden zwei Neubauten mit Eigentumswohnungen und Büros errichtet, die wie die Umgestaltung des Altbaus vom Bregenzer Architekturbüro Lang+Schwärzler geplant wurden. Während die Gebäude und das rund 20.000 Quadratmeter große Grundstück in privater Hand verblieben, ist die Uferpromenade öffentlich zugänglich. Auch ein eigener Bootsanleger wurde errichtet und als Schenkung der Gemeinde Lochau übergeben, der heute ganzjährig von der Bodenseeschifffahrt angefahren wird.

Nach zwei Jahren Bauzeit war es im Juli 2010 so weit: Genau einhundert Jahre nach seiner Premiere wurde das „Seehotel Am Kaiserstrand“ wiedereröffnet. Das Vier-Sterne-Haus verfügt heute über 102 Zimmer und Suiten mit direktem Ausblick auf den Bodensee und den Hausberg Pfänder und wird von einem Seminarbereich sowie einem 900 Quadratmeter großen Wellnessbereich im zweigeschossigen Seitenflügel des Hauses ergänzt. Letzterer bietet einen beheizten Innenpool, drei Saunen, ein Dampfbad, sieben Behandlungsräume für Massagen und Beautyanwendungen sowie einen Fitnessbereich. „Die Angebote werden längst nicht nur von unseren Übernachtungsgästen wahrgenommen, sondern zunehmend auch von Bewohnern der Region“, erklärt der Hoteldirektor beim Rundgang durch das Gebäude.

 

Spiegel der Geschichte

Einen Anziehungspunkt bildet ebenso das Restaurant „Wellenstein“ mit einer wechselnden Auswahl regionaler Speisen. Wurde das Sockelgewölbe des früheren Turms zuvor als reiner Durchgang benutzt, entstand an dieser Stelle eine atmosphärische Bar – der einzige Ort des Hotels, an dem geraucht werden darf. Eine separate Lüftung sorgt dafür, dass Zigaretten- und Zigarrenqualm unmittelbar nach draußen abgegeben werden und nicht in andere Bereiche des Hotels gelangen. Auf den ersten Blick nur schwer zu erahnen ist die Tiefgarage mit 70 Stellplätzen, die unterhalb der Hotelvorfahrt errichtet wurde und ebenso zusätzliche Lagerräume für die Gastronomie aufnimmt.

Die Einrichtung der Innenräume wurde von einem Team aus Innenarchitekten und Künstlern entwickelt, an dem das Architekturbüro Lang+Schwärzler federführend beteiligt war. Neben dem Einsatz natürlicher Materialien sorgt vor allem eine Palette warmer Farben für das Wohlbefinden der Gäste. „Wir hatten ursprünglich geplant, alle Zimmer und Suiten mit Balkonen auszustatten. Aber das ist vom Denkmalamt strikt abgelehnt worden“, erklärt Architekt Karl Schwärzler. Auch wenn zunächst die pittoresk-verspielte Vorarlberger Architektur des Originalbaus aus dem Jahr 1910 unter Schutz gestellt wurde, sollten die Eingriffe aus der NS-Zeit nicht ungeschehen gemacht werden. Schließlich gibt es kaum ein Gebäude am Bodensee, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts so widerspiegelt wie das einstige „Kaiser-Strand-Palast-Hotel“.

 

Wohlbefinden auf dem Wasser

Wie ein Kontrapunkt zu dessen strenger Fassade wirkt das hölzerne Badehaus, das ebenfalls von Lang+Schwärzler geplant wurde. Der auf 30 Pfählen im Wasser stehende Bau bringt mit seiner klaren, puristischen Formensprache nicht nur ein betont zeitgenössisches Element ins Spiel. Er greift ebenso die mehr als einhundertjährige Tradition der Vorarlberger Badehäuser auf. „Wenn sich der Pegel des Bodensees im Winter um drei bis vier Meter absenkt, stehen viele der alten Stege im Trockenen. Es war uns wichtig, dass der Bau das gesamte Jahr im Wasser bleibt“, sagt Roland Pircher. Ein 42 Meter langer Steg führt vom Ufer auf den rundum verglasten Bau hinaus, der über ein Sonnendeck, eine Terrasse, Umkleideräume, Sanitäranlagen sowie ein Café und Restaurant verfügt.

Für ein geradezu nautisches Empfinden sorgt nicht nur der unverstellte Blick auf den See, sondern ebenso die Materialität. Mit Ausnahme der aus Beton gearbeiteten Pfähle sowie der Bodenplatte wurde die gesamte Konstruktion aus heimischer Weißtanne errichtet. Dem Aspekt der Nachhaltigkeit entspricht das Energiekonzept. „Auf der österreichischen Seeseite ist es das einzige Gebäude, das über eine reine Seewassernutzung gekühlt und geheizt wird und damit CO2-neutral ist. Wir sparen über 200 Tonnen CO2 im Jahr“, erklärt Karl Schwärzler. Für das Hotel Am Kaiserstrand markiert das Badehaus zugleich eine Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Schließlich hat Kaiser Karl I. seine lobenden Worte nicht schon auf dem Festland, sondern just erst beim Betreten des hölzernen Piers gesagt.