Apfelblüten und Mondgestein. Die neue Schatzkammer von und zu Liechtenstein.

Liechtenstein liegt günstig. Wenn Chinesen, Russen und Südamerikaner von den bayerischen Schlössern nach Wien reisen, nehmen sie das Fürstentum noch schnell im Vorbeifahren mit. Was sie dann aber in der neuen „Schatzkammer Liechtenstein“ zu sehen bekommen, versetzt sie in fassungsloses Staunen. Pünktlich zur Osterzeit eröffnete das im Alpenraum einzigartige Museum, in dessen Mittelpunkt zwischen Gemälden, Prunkwaffen und Mondgestein das weltbekannte „Apfelblütenei“ von Fabergé glänzt. So abenteuerlich wie die Schätze sind die Geschichten, wie sie nach Vaduz kamen.

 

Text David Malik Fotos Sven Beham  Foto- und Textredaktion agenturengel Published kultuhr 45, 2015

 

Nach einem langen Winter kriechen die Menschen wieder ins Freie. Die Kellner in der Fussgängerzone decken die Tische unter der Frühlingssonne. Aus der Pizzeria duftet es nach Holzkohle, italienischen Kräutern und Knoblauch. Ein gewöhnlicher Mittag in Vaduz. Die Bäume am steilen Felshang unter dem Schloss tragen die ersten Blüten. Noch liegt Schnee auf den Bergen und neben dem Schwarzen Kubus erhält der Weisse Würfel seinen letzten Schliff. Schräg gegenüber der Engländerbau. 1933/34 als Sitz eines britischen Lotterieunternehmens errichtet, war er der erste Stahlskelettbau des Landes. Eine Zahnfabrik, ein Radiosender, das Tourismusbüro und das Postmuseum waren hier untergebracht. Das Gebäude beherbergte die staatliche Kunstsammlung, die in das Kunstmuseum Liechtenstein umzog und dient seit 2002 wechselnden Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Dort aber, wo sich an der Strassenseite einst sieben Schaufenster befanden, hängen nun eindrucksvolle Fotos im Grossformat: Perlen, filigrane Blüten und Geschmeide. Verblüfft steht der Besucher vor der neu errichteten Schatzkammer. Ein schwarzes Eingangstor erinnert an einen schwer gesicherten Safe. Wer ihn betreten möchte, kauft sich für acht Schweizer Franken einen goldenen Jeton an der Kasse des Postmuseums oder des Landesmuseums.

 

Im schwarzseidenen Herzen

Der Besucher wirft den Jeton in einen Schlitz. Die Tür öffnet sich und wie durch den Spalt in eine Höhle betritt er die Schatzkammer. Schwarzseiden die Wände. Schwarz die Decke. Schwarz der Boden, der unter den Füssen zu wanken beginnt angesichts der funkelnden Schätze. Der Raum ist nicht gross. Schmal und länglich. Wenige Gemälde an den Wänden. Ein Entwurf. Längs durch den Raum zieht sich eine gläserne Vitrine. Flankiert von der Krone des Herzogs mit mächtigen Perlen ausgestattet. Die Klimaanlage sorgt für permanent gleichbleibende Temperatur. Die Schätze sind ausgezeichnet mit Nummern. Den Katalog dazu gibt es in vier Sprachen: Deutsch, Englisch, Chinesisch und Russisch. An manchen Tagen drängen sich sechzig Menschen in diesem Raum. Wartende aus aller Welt schlängeln sich durch die Fussgängerzone, um eintreten zu können. Aber an diesem Werktag, mittags um eins, darf sich der Besucher die Schätze mit dem Aufseher allein teilen. Es ist nicht ganz einfach, in der Dunkelheit den Katalog zu lesen. Nur winzige Spots beleuchten die Zaren-Eier, das Jagdbesteck, den Porzellanteller und den immerwährenden Kalender – eine vergoldete Kupferscheibe von Meister Habermel aus dem sechzehnten Jahrhundert, deren Mechanik man vergeblich zu verstehen versucht. Viele Fragen drängen sich auf: Was hat es mit den Bildern auf sich? Was machen die schwarzen Steinchen in der Vitrine? Warum so viele Ostereier? Und vor allem, wie gelangen sie hierher?

 

Ostereier statt Erschiessungskommando

Die Geschichte beginnt vor fast hundert Jahren, als am Schellenberg Adulf Peter Goop in einer kinderreichen Bauernfamilie zur Welt kommt. Nicht viel zu essen gibt es. Die Zeiten sind schwer. Er ist ein Teenager, als nebenan der Krieg ausbricht. Er tritt den Pfadfindern bei und erlebt, wie Anfang Mai 1945 fünfhundert ausgehungerte russische Soldaten mit Fuhrwerken bei Nofels über die Grenze marschieren. Es sind Soldaten der Weissen Armee, die Asyl beantragen, vorwiegend Adelige und Intellektuelle, die den Zar zurückhaben wollen. Sie werden von der Bevölkerung mit offenen Armen aufgenommen und im Schellenberger Schulhaus untergebracht. Goop soll die Versorgung organisieren. Es ist die Zeit um das russisch-orthodoxe Osterfest. Als ihm ein Offizier von der Bedeutung dieses Fests erzählt, klappert Goop alle Bauernhöfe ab und nimmt jedes Ei mit, das er kriegen kann. Er färbt die Eier rot als Symbol für Liebe, Hoffnung und Auferstehung. Statt erschossen oder ausgeliefert zu werden, bekommen die Soldaten Ostereier geschenkt. Ein emotionaler Augenblick nicht nur für Goop – seine Liebe zu Russland und zu Ostereiern ist geweckt. Sie wird ihn nie mehr loslassen.

 

 

Juwelierkunst auf höchstem Niveau

Goops Initiative hat Eindruck gemacht. Vor allem auf einen Juristen namens Marxer, der den jungen Pfadfinder als Briefträger einstellt und schnell merkt, wie intelligent dieser ist. Marxer finanziert sein Studium. Goop wird Rechtsanwalt und steigt später in die Kanzlei seines Mäzens ein. In der Rente beginnt Goop Ostereier zu sammeln. 4000 sollten es werden. Liechtenstein ist klein und seine Leidenschaft spricht sich schnell herum. Er bekommt eine Sammlung aus China, Lack- Porzellan, Silber- und Emailwerke. Was heute unmöglich ist, gelang Goop 1996: Er erstand von einem Oligarchen das Apfelblütenei von Peter Carl Fabergé. Spätestens seit dem französischen Filmerfolg „Ziemlich beste Freunde“ sind Fabergé-Eier einem breiten Publikum bekannt. Man ahnt, dass es mit diesem ahnungslos eingesteckten Ei etwas auf sich hat.

Auf der Welle des Wirtschaftswachstums im ausgehenden 19. Jahrhundert erlebte die Goldschmiedekunst in St. Petersburg einen bis dahin nicht gekannten Aufschwung. Wohlhabende Kunden mit enormer Kaufkraft verlangten nach neuen Produkten. Die Konkurrenz wurde härter. Der Einfallsreichtum erblühte wie die diamantenen Knospen auf den Eiern. Es war die goldene Ära der Juwelierkunst. Von vielen damaligen Akteuren in dieser Juwelierszene hat sich nur der legendäre Name Fabergé erhalten. Er war Künstler, Unternehmer, Zarenhoflieferant. Gutachter kaiserliche Schätze, Hoflieferant der Könige von Skandinavien, England, Griechenland, Bulgarien und Siam. Die Liste wäre noch lang. Er gründete eine der weltgrössten Juwelierfirmen. Als Symbol dieser Epoche glänzen seine Kunstwerke in ihrer Vollkommenheit über seine Zeit hinaus.

Dann kamen die Revolution und der Kommunismus. Aristokratischer Reichtum wurde öffentlich vom Staat verhökert. Heute ist es umgekehrt. Viele Juweliere nehmen sich Fabergé wieder als Vorbild. Nur mit dem Unterschied, dass noch mehr Diamanten eingearbeitet werden und es preislich keine Grenzen mehr nach oben gibt.

 

Bilder aus der Heimat

Goop sammelte auch Landschaftsgemälde, alte Ansichten von Liechtenstein des russisch-ukrainischen Künstlers Eugen Zotow, der hier im Exil lebte, und Gouachen von Johann Ludwig Bleuer – er war der einzige Maler, der 1820/1830 den Rhein von der Quelle bis zur Mündung portraitiert hatte. Für die Sammlung der Originale brauchte Goop vierzig Jahre. Zehn Bilder davon werden in der Ausstellung gezeigt. Mit der Begründung, dass er seinen Reichtum dem Land verdanke und wieder etwas zurückgeben wolle, vermachte Goop seine Sammlung dem Liechtensteinischen Landesmuseum. Er starb kurz nach seinem 90. Geburtstag. Für seine Schätze hatte er sich immer einen passenden Ausstellungsort gewünscht. Nun ist es so weit. Gemeinsam mit wertvollen Stücken der fürstlichen Sammlung sind sie im Engländerbau zu bewundern.

 

Geschenke mit Niveau

Mit über 800-jähriger Tradition entstammen die Liechtensteins nicht nur einer der ältesten Herrscherfamilien der Welt, sondern können ebenfalls auf eine der weltweit ältesten und kontinuierlich erweiterten Sammlungen zurückblicken. Seit über 400 Jahren wird Aussergewöhnliches zusammengetragen, die Gemälde alter Meister und die Waffensammlung sind weltberühmt. Die Fürsten von Liechtenstein hatten stets eine enge Beziehung zu anderen bedeutenden Herrschern. Prof. Dr. Rainer Vollkommer bezweifelt, dass die prunkvollen Waffen je im Einsatz waren viel zu wertvoll und exzellent wurden sie in den europäischen Kunstkammern geschmiedet, aus Elfenbein, Silber und Edelsteinen. Man wollte zeigen, was man hatte. Friedrich der Grosse schickte gleich die zweite Produktion seiner Königlichen Porzellan Manufaktur (KPM), prächtige Teller, nach Vaduz. Kaiser Josef II. liess sich auch nicht lumpen und wartete mit luxuriösen Flinten der spanischen Hofbüchsenmacher auf.

An der Wand hängen niederländische Gemälde und dazwischen, man möchte es nicht glauben, Briefe.

Die Marken darauf kennt man, egal ob gestempelt oder ungestempelt. Zu sehr haben sie sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Die Briefe sind weder aus Gold noch aus Edelsteinen, nichts Wertvolles ist daran zu erkennen. Erst wenn der Blick auf den grossen Entwurf der Zwei-Heller-Briefmarke fällt, in der Mitte der Fürst, umrahmt von braunen Jugendstilschnörkeln, erschliesst sich ein wertvoller Zusammenhang. Koloman Moser entwarf die erste Briefmarke von Liechtenstein. Er wurde 1968 in Wien geboren, war Grafiker, Maler, Kunsthandwerker, eng befreundet mit Gustav Klimt und massgeblich an der Entstehung der Wiener Secession beteiligt.

Und was hat es mit diesen zwei kleinen schwarz glitzernden Steinchen in der Vitrine auf sich? Um etwas Gleichwertiges zu finden, müsste man auf den Mond fliegen. Mit einer Rakete, die liechtensteinische Technologie in sich trägt.

 

Mehr als Banken und Briefkastenfirmen

Vor allem handwerkliche Präzision zeichnet Liechtenstein aus – egal ob für Uhrwerke, Zähne, Bohrmaschinen oder Weltraumtechnik. Die Firma Oerlikon Balzers beispielsweise fertigte für die NASA eine Schutzummantelung an, für den Moment, wenn die Rakete auf das Vakuum trifft. Als Dank dafür liess Präsident Nixon die Flagge von Liechtenstein auf dem Mond hissen. Sie kam nach Vaduz zurück, gemeinsam mit einer Kiste voll Steinen. Die Schatzkammer Liechtenstein ist das einzige Museum ausserhalb der USA, das Mondgesteine von der Apollo 11- und der Apollo 17-Mission, der ersten und der letzten bemannten Mondlandung, zeigt. „Vom Fürstentum über die Welt ins Weltall“ heisst die Ausstellung, mit der Prof. Dr. Vollkommer zeigen will, was die Welt verbindet. „Die globalisierte Welt ist überall sichtbar. Wir wachsen zusammen.“

Die Vorbereitungen, um die Schatzkammer öffentlich zu machen, waren aufwändig. Sie ist durch mehrere Alarmsysteme gesichert – sichtbare und unsichtbare. Erst wenn sich die Eingangstür verschliesst, ist es möglich, auf der gegenüberliegenden Seite die Kammer wieder zu verlassen. Der Besucher blinzelt in die Sonne und fragt sich, was es denn war, das er soeben gesehen hat. Nicht sehr viele Schätze waren es. Aber diejenigen brannten sich nachhaltig tief in die Erinnerung.