Boujour tristesse. Goldener Herbst an der Seine.

Paris stellt man sich am liebsten im Frühling vor. Hinfahren sollte man allerdings im Spätherbst. Zu keiner Zeit des Jahres gehören einem die Cafés, die Parks, Museen und Boulevards mehr als in den Monaten, in denen die Stadt an der Seine in wundervolle Schattierungen taucht und es sich bestens auf den Spuren von Hemingway und Co wandeln lässt. Ein Spaziergang.

 

Text Luis Bentele Fotos Amy Sheldon, Le Bristol, Marie Hennechart, Peninsula, Pierre Monetta, Yoann Jézéquel

 

Es ist immer etwas Besonderes, in Paris anzukommen. Vor allem, wenn einen die Metro unter der Place Saint-Michel ausspuckt, um die Ecke von Notre Dame, wo der Brunnen von Saint-Michel tut, was ein Brunnen so tut, nämlich zufrieden vor sich hinsprudeln. Noch reizvoller ist diese Ankunft im Spätherbst, wenn Paris in ein Licht taucht, das so viele Töne im Repertoire hat wie ein Film Noir von Meister François Truffaut. Der Schriftsteller Ernest Hemingway schreibt während seiner Pariser Zeit in den 1920er Jahren:

Dann war das schlechte Wetter da. Wenn der Herbst vorbei war, war es eines Tages plötzlich da. Nachts mussten wir die Fenster wegen des Regens schliessen, und der kalte Wind blies die Blätter von den Bäumen…

So beginnt seine Geschichte «Ein gutes Café auf der Place Saint-Michel» im wunderbaren Büchlein «Paris – ein Fest fürs Leben». Nicht an der Place Saint-Michel, sondern ein paar Gassen weiter, im verwinkelten Herzen von St. Germain, liegt ein anderes, auch ein gutes Café. Es heisst La Palette und ist in der Rue de Seine Nummer 43 zu finden. «Malerisch» würde manch einer diese Ecke auf einer Postkarte beschreiben. Dabei sollte einem Passenderes einfallen. Drückt man die Messing-Türklinke des Café Palette nach unten und wirft den ersten Blick ins Innere, kommt dies dem Drehen eines Zündschlüssels gleich. Der Schlüssel startet eine Zeitmaschine. Auch der Gedanke an Woody Allens oscargekrönten Streifen «Midnight in Paris» ist ein naheliegender. In dem Film aus dem Jahre 2011 unternimmt der Protagonist Gil jede Nacht aufs Neue eine Reise in die 1920er Jahre und schlägt sich mit Haudegen und Künstlern wie Scott Fitzgerald, Ernest Hemingway, Josephine Baker oder Man Ray die Nacht um die Ohren. Auch Luis Buñuel ist mit von der Partie. Gil weiss nicht, wie ihm geschieht – aber Hauptsache, es geschieht.

 

Paris Bistro Benoit

Paris Bistro Benoit

 

 

Ganz besonders eignet sich das Café Palette zur kalten Jahreszeit für eine Reise in diese Zeit der «lost generation». Sitzt man im Frühling an einem seiner kleinen, runden Tische im Freien, wo einem die Morgensonne die Nasenspitze kitzelt, ist das eine feine Sache. Aber an einem kalten Novembertag den Eingang hinter sich zu lassen und zwischen den patinierten Spiegeln und den angelaufenen Fenstern ein Plätzchen zu suchen, ist eine Begegnung mit einer anderen Welt, in der Globalisierung keinen Platz hat. Hemingway trank in seinem guten Café auf der Place Saint-Michel an jenem Nachmittag übrigens einen Café au Lait. Später gab’s dann auch noch Austern und Weisswein, aber erst, nachdem er seine Story fertiggeschrieben hatte.

 

Blaumachen in Paris

Im Palette ist es nicht nötig, in Hemingways Büchlein weiterzulesen, denn dieser Ort erzählt seine eigene Geschichte, wird zum eigenen «Fest». Man muss nur schauen und zuhören, etwa wenn die livrierten Kellner der Madame hinter dem Tresen ihre Bestellungen zurufen. Die alten dunklen Holzwände bilden das Bühnenbild für ein wunderbar nostalgisches Stück, in dem man selbst zum Darsteller wird. Das Palette eignet sich ausser für Zeitreisen aber auch dafür, sich aufzuwärmen, so wie es die Dichter früher taten, zum Beispiel nach einem Spaziergang durch den nicht weit entfernten Jardin du Luxembourg. Der Park kleidet sich an diesem kalten Herbsttag in Grautöne, die den Ruf dieser Farben als etwas Tristes vergessen machen. Mehr noch, keine Farbe würde besser passen als jene, die sich der Garten für diesen Novembertag heraussuchte – weit entfernt von dem Augenblick, in dem er wieder im Frühlingslicht daliegt und die Kinder zum ersten Mal im neuen Jahr ihre kleinen Segelschiffe über den Teich des Jardins plätschern lassen.

 

Schriftsteller Ernest Hemingway lebte und arbeitete von 1921 bis 1926 in Paris.


Schriftsteller Ernest Hemingway lebte und arbeitete von 1921 bis 1926 in Paris.

 

Die Bars von einst

Ein paar Strassen weiter, rund um den Boulevard du Montparnasse, spielte sich in den 1920er Jahren das Schriftstellerleben ab. Hier waren sie zu finden: Scott Fitzgerald, den Hemingway 1925 in der Dingo Bar kennenlernte, James Joyce und auch Gertrude Stein. Bei der ersten Unterhaltung zwischen Fitzgerald und Hemingway ging es darum, ob Hemingway mit seiner Frau Sex hatte, bevor er mit ihr verheiratet war. Hemingway antwortete, «Ich weiss es nicht», was Fitzgerald nicht glauben konnte. Bis heute gibt es die Lokale, in denen einige der grössten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts schluckten wie die Spechte: Das Sélect, das Rotonde, auch das besonders berüchtigte Coupole. Und an Aktualität fehlt es auch nicht, wenn es um Fitzgerald und Hemingway geht. Fitzgeralds Roman «Der grosse Gatsby» – für viele der grösste Roman des 20. Jahrhunderts – war 2013 mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle einer der Blockbuster des Jahres. Ferner erschien im selben Jahr der Briefwechsel der beiden Literatur Titanen im Verlag Hoffmann & Campe und Hemingways bereits erwähntes Buch «Paris – Ein Fest fürs Leben» wurde ebenso neu übersetzt. Flanierten die Dichter von hier zurück Richtung Seine, kamen sie an der Buchhandlung «Shakespeare and Company» von Sylvia Beach in der Rue de l’Odeon Nummer 12 vorbei. Hemingway schrieb über Beach:

Als ich zum ersten Mal den Buchladen betrat, war ich sehr schüchtern, und ich hatte nicht genügend Geld bei mir, um der Leihbibliothek beizutreten. Sie sagte mir, dass ich den Beitrag jederzeit, wenn ich Geld hätte, bezahlen könnte, und stellte mir eine Karte aus und sagte, ich könnte so viele Bücher mitnehmen, wie ich wollte.

Einst wie heute treffen sich gleich um die Ecke Journalisten und Schriftsteller in den Cafés Flore und Les Deux Magots. Hier am Boulevard Saint-Germain mit all seinen schicken Modeboutiquen von Dior bis Yves Saint Laurent kann es schon passieren, dass man seinen Pastis neben einem Schriftsteller wie Peter Handke, Bernard-Henri Lévy oder Frédéric Beigbeder einnimmt. Letzterer hat 1994 auch den Literaturpreis «Prix de Flore» ins Leben gerufen, zu dessen Preisträgern unter anderem Michel Houellebecq und Virginie Despentes zählen.

Ein Teppich aus Wünschen

Hat man sich im Palette, einen Katzensprung von Sylvia Beachs ehemaligem Laden auf der anderen Seite des Boulevard St. Germain, gut aufgewärmt und es sich in seinem Abteil im Zug durch die Zeit gemütlich gemacht, erwartet einen die nächste Begegnung mit einem ganz besonderen Gestern, aber auch der aktuellen Kunstszene. In und um die Rue de Seine herrscht eine Dichte an Galerien und Antiquitätenhändlern, wie sie weltweit nur sehr selten zu finden ist. Erwähnt sei die Galerie von Georges-Philippe und Nathalie Vallois (Rue de Seine Nr. 36), die neben internationalen Stars wie Paul McCarthy oder Keith Tyson auch erfolgreiche Franzosen wie Vincent Lamouroux zeigt. Auf Nummer 19 gibt’s bei Jousse Enterprise ganz wunderbare Designklassiker von Jean Prouvé bis Le Corbusier und Charlotte Perriand zu sehen. Es bedarf hier keines Führers, man kann sich an diesem Fleckchen Kunst-Erde von einer Galerie in die andere treiben lassen.

 

 

Weiter unten in der Rue de Seine hängen in einer Auslage neben Fotografien aus dem Ersten Weltkrieg Zeichnungen von Jean Cocteau. Es scheint, als hätte sie der Freund Picassos gerade erst beim Galeristen abgegeben. Bestimmt sitzt er mit ihm in der Hinterstube bei einer Tasse Tee. Apropos Tee: Fernande Olivier, eine Muse Picassos, schreibt über ihre Zeit mit dem Künstler, dass es in dessen Atelier, drüben auf der anderen Seite der Seine, am Montmartre, im Winter derart kalt sein konnte, dass der Tee über Nacht in den Tassen gefror.

 

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Löst man sich vom Anblick von Cocteaus Zeichnungen, seinen elfengleichen Götterwesen, erreicht man das Ende der Rue de Seine gleich beim nach ihr benannten Fluss. Es ist Zeit, den Mantelkragen aufzustellen. Der Wind pfeift über die Seine, sogar den Bouquinisten ist es an diesem Nachmittag zu kalt, um ihre grün gestrichenen kastenartigen Läden aufzusperren. Das Grau, das hier um einen dunklen Grafit-Ton zugelegt hat, hüllt die Pont Neuf, die Türme von Notre Dame und den Stahl des Eiffelturms in einen ungebügelten Schleier. Alles wirkt wie aus einem zauberhaften bleiernen Guss. Nur die Bremslichter der Autos durchbrechen pünktchenweise wie rote Glühwürmchen das grosse Grau.

Selbst die unzähligen kleinen Vorhängeschlösser, die Verliebte aus aller Welt hier an den Geländern der Pont des Arts angebracht haben, verlieren in diesen Tagen ihren goldenen Glanz. Sie erzählen ebenso Geschichten von der Zeit, wenn auch von einer jüngeren. Wie viele dieser Paare noch zusammen sind, könnte man sich fragen, oder: Welche Wünsche, die beim Versenken der kleinen Schlüssel in der Seine auf den Lippen der Pärchen lagen, sind in Erfüllung gegangen? Wie viele nicht? Als würden sie schlafend auf die Sonne und neue Verliebte warten, picken die Schlösser gleich einem eisernen Teppich an der Brücke, während ein Kiesschiff den Strom hinabschwimmt und sein Kamin schwarze Wölkchen in den taubengrauen Himmel rülpst. Und wenn Charles Aznavour davon singt, wie sehr er Paris im Monat Mai liebt, möchte man ihm spätestens jetzt und hier die Frage stellen, warum er nicht den November in einem Chanson verewigt. Lässt man die schwer gewordene Brücke hinter sich und spaziert der Seine entlang Richtung Notre Dame, landet man wieder an der Place Saint-Michel. Auf dem Dach der Polizeipräfektur weht eine Tricolore, das himmlische Grau, in dem die kleine Fahne hysterisch flattert, lässt ihren Farben kaum eine Chance. Das Café, das gute Café Hemingways, wäre jetzt die richtige Station. Es existiert nicht mehr, aber andere gute Cafés, zum Beispiel das Saint Séverin oder das Le Départ Saint-Michel. Hier sollte man es dem Schriftsteller gleichtun. Er hing seinen alten Regenmantel am Kleiderständer zum Trocknen auf und legte seinen abgetragenen und verwitterten Filzhut auf das Gestell über der Sitzbank. Er bestellte einen Rum St. James, weil auch in der Geschichte, an der er schrieb, getrunken wurde. «Der schmeckte wunderbar an dem kalten Tag …», notiert Hemingway.

Mehrere Wintermonate jener Jahre verbrachte Hemingway übrigens in der Schweiz, zum Beispiel in einem Chalet unterhalb von Les Avants. Der Schriftsteller schwärmt von offenen Fenstern, warmen Betten, hellen Sternen und Büchern. Die hatte ihm Sylvia Beach geliehen. Er hat sie zurückgebracht.

 


 

Paris-Trip-Tipps

Anreise/Verkehr

Flug
Zürich – Paris Charles de Gaulle zum Beispiel mit Swiss oder weiteren Fluggesellschaften der Star Alliance; ins Zentrum (Paris-Châtelet les Halles) mit dem

Regionalzug
RER in 50 Minuten; gute Alternative: mit dem Zug (TGV) von Zürich nach Paris Gare de Lyon in 4 Stunden und 3 Minuten; weitere TGV-Verbindungen ab Basel, Bern, Lausanne und Genf.

Öffentliche Verkehrsmittel
Wer den Besuch vieler Museen und Sehenswürdigkeiten plant, für den lohnt der online buchbare Paris Pass: Kostenloser Eintritt in rund 60 Pariser Museen, darunter der Louvre – ohne Anstellen für die Tickets; inkludiert sind alle öffentlichen Verkehrsmittel und «Hop on Hop off»-Busse; Varianten für 2, 4 und 6 Tage ab 112 Euro für Erwachsene, Ermässigungen für Kinder; alternativ: die Paris Visit Tickets der Verkehrsbetriebe RATP in vielen unterschiedlichen Varianten ab 12 Euro pro Tag.

 

Cafés

Wer die Literaten-Café-Klassiker Les Deux Magots und Café de Flore als Paris-Fortgeschrittener bereits kennt, kann in wenigen Gehminuten in Richtung Nordosten in das Universum des Café la Palette eintauchen. Ein Stück Bohème hat sich unter der sorgsam gepflegten Patina dieser Institution in der Rue de Seine gut erhalten.

Tipp1

Restaurants

Ein kleines Kunststück gelingt dem Restaurant Itinéraires im 5. Arrondissement: Küchenchef Sylvain Sendra verwendet für seine innovativen Gerichte vorwiegend Zutaten aus der Region – soll heissen, hervorragendes Pariser Gemüse und Miso (!) aus den Vororten, Käse aus dem 1. Arrondissement und Brot von Poujauran, einem der besten Bäcker der Stadt. Das Benoit ist ein Bistro, das den Namen noch verdient, obwohl der Küchenchef seit 2007 offiziell Alain Ducasse heisst. Traditionelle französische Küche, für die der Grossmeister auch den Nachwuchs gewähren lässt – keineswegs zum Nachteil der Gäste.

Tipp2

Hotel-Tipps

Das Hôtel Bel Ami präsentiert sich als Boutique-Hotel in Saint Germain-des-Prés, das seine Verbundenheit zum alten Literatenviertel durch eine inspirierende Atmosphäre ausdrückt, in der jederzeit die nächste grosse Novelle entstehen könnte. Im Bristol Paris gingen sie alle ein und aus, die grossen bildenden Künstler der Moderne: Picasso,Mondrian und Dalí. Das grössere Kunststück gelingt dem Haus aber dadurch, seit der Eröffnung im Jahr 1925 stets zeitgenössisch zu bleiben: Nicht nur Erweiterungen und Modernisierungen stehen für den Anspruch der ständigen Erneuerung, sondern mehr noch das Engagement, wieder regelmässig aktuelle Kunst zu beherbergen. Das Peninsula Paris gilt als eine der spannendsten Neueröffnungen des Jahres, wenngleich es als Hotel Majestic bereits viel Geschichte und Geschichten en masse hinter sich hat: George Gershwin etwa vertonte hier seine Gedanken dazu, wie sich ein «American in Paris» fühlt.

Tipp4

Tipp3

Shopping

Einen Steinwurf vom Eiffelturm entfernt hat Catherine Max nach 20-jähriger Erfahrung mit der Modewelt gerade einen Showroom in der Avenue Raymond Poincaré eröffnet, in dem gut 200 Labels zu überraschend leistbaren Preisen zu bekommen sind. Ein Klassiker unter der ehrwürdigen Kaufhäusern im 6. Arrondissement: Le Bon Marché.

Infos

Atout France – Französische Zentrale für Tourismus,
Rennweg 42 – Postfach 3376, 8021 Zürich oder
Fremdenverkehrsamt Paris.