Das Orakel von Oberschwaben Wetterwarte Süd

Tulpen im Winter. Schnee im Juni. Was geschieht mit uns? Wir haben das Bedürfnis nach Sicherheit und fragen Roland Roth, Gründer und Leiter der „Wetterwarte Süd“ in Bad Schussenried. Mit 300 ehrenamtlichen Mitarbeitern leitet er unabhängig von Geldgebern das dichteste Wetter-Messnetz der Welt und versorgt 50 Medien mit Daten und Vorhersagen. Bauern und Klimaexperten verlassen sich gleichermaßen auf seine treffgenauen Prognosen, die er aus dem Garten seines Elternhauses schickt, wo alles begann.

 

Text Irmgard Kramer  Foto Archiv Roland Roth, Peter Zeh, Sabine Wöhrle, Uwe Schmid, Michael Häfner  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published nobleSee 07, 2017

Während andere Vierjährige bei Blitz und Donner unter die Bettdecke kriechen, will Roland hinaus. Im Alter von sechs stellt er Fragen übers Wetter, die ihm seine Eltern nicht beantworten können. Sie vertrösten ihn auf die Schule. Leider hat seine Lehrerin auch keine Ahnung, was er ihr zu verstehen gibt, worauf die Eltern vorgeladen werden und sich anhören müssen, was für ein auffälliger Schüler er sei. Roland eignet sich sein Wissen selbst an, zeichnet Wolkenbilder und misst. In jedem Schuljahr kommt ein Meter Fachliteratur dazu. Mit dreizehn arbeitet er wissenschaftlich, finanziert sich teure Geräte mit Heimarbeit, die er vom Chef seines Vaters bekommt.

Sternzeichen Wetterfrosch

Roland Roth studiert Geographie, Theologie und Philosophie. Er wird Hauptschullehrer und liebt diesen Beruf. Als Zwanzigjähriger hält er erste Vorträge zum Klimawandel. „Der spinnt“, sagen die Leute zwar, lieben aber seinen Wortwitz und die hohe Trefferquote der Vorhersagen. Die Wetterwarte wächst. Der 1995 für den Bauernverband eingerichtete telefonische Wettervorhersagedienst ist einmalig in Deutschland. 60 000 Anrufer in einer Saison lassen die Systeme zusammenbrechen. Mit dem Internet wird es besser. Inzwischen hat Roland in seinem Garten – zusätzlich zu 150 Niederschlagsstationen, 60 Wetterstationen und 7 Wetterzentralen – einen Wohnwagen mit zwei Arbeitsplätzen eingerichtet, inklusive Internet, Warmwasser, Dusche und Bett, um rund um die Uhr berichten zu können. Technik, Kommunikation, eigene Server und Programme verschlingen am meisten Geld – das kommt von den Medien, vom Wettertelefon, vom Werbebanner auf der Internetseite, die 5 Millionen User im Jahr hat, und von den Vorträgen, die Roland Roth hält. Seine Vorträge sind legendär. Wer ihn buchen will, muss vier Jahre warten. Alles läuft über Mundpropaganda. „Der Chef“ versteht es, mit sachlicher Information zu unterhalten.

Mildes Bodenseeklima?

Aufgrund seines Volumens und seiner Tiefe hat der Bodensee großen Einfluss auf das Klima. Gemüse, Kräuter, Palmen, Zitronenbäume und Wein gedeihen. Im Herbst profitiert die Umgebung vom See, erklärt Roland Roth. „Der See hat im Oktober noch 16 Grad und gibt bis in den Winter Temperatur ab.“ Im Frühling verkehrt sich dieser Effekt jedoch zum Nachteil. Frisch weht der Wind im März übers Wasser. Die Insel Reichenau hat größere Startschwierigkeiten beim Pflanzenwachstum als beispielsweise in Tettnang. Es dauert einige Zeit, bis sich der See wieder erwärmt. Außer es kommt Fön. Der berüchtigte Fallwind führt vor allem im Winter zu hohen Temperaturen. Dann kann das Wetter schnell umschlagen. Plötzlich auftretende Orkane sind keine Seltenheit.

© Roland Roth

Beunruhigende Aussichten

Die Realität hat Rolands Befürchtungen weit übertroffen. „Wir erleben erst den Anfang von dem, was noch auf uns zukommen wird. Weltweit höhere Temperaturen sorgen für mehr Wasserdampf in der Atmosphäre. Da ist mehr Power drin. Das ist, als würde man von einem VW-Käfer auf einen Ferrari umsteigen und Gas geben.“ Am Bodensee bedeutet das mehr Stürme, extreme Wasserstände, rasche Temperaturwechsel und zunehmende Schwüle. Roland bemängelt die Tatsache, dass der Deutsche Wetterdienst zu wenig Geld investiert. In Konstanz gibt es keine bemannte Wetterstation mehr. Wind- und Sturmwarnungen fürs deutsche Bodenseeufer werden in Stuttgart am Computer gemacht. „Da würde ich im Zweifelsfall lieber einen alten Fischer fragen.“ Als Lehrer ist Roland Roth inzwischen in Pension. Für die Wetterwarte arbeitet er mehr denn je. Leute wie ihn und seine Mitarbeiter werden wir noch brauchen.

Und wie wird der Sommer?

„Man kann eine Jahreszeit nicht vorhersagen“, sagt Roland Roth, dem das trotzdem mehrmals gelang, was ihm den Titel „Orakel von Oberschwaben“ einbrachte. Es gibt höchstens Tendenzen in eine Richtung. Am Siebenschläfertag, dem 27. Juni, entscheidet sich nicht der Sommer, aber gibt es Ende Juni bis Anfang Juli wechselhaftes Westwindwetter, wird der Sommer ähnlich.

www.wetterwarte-sued.com