Das rote Land. Absolut Arizona.

In Arizona malen Licht, bunte Felsen und schweigende Schluchtenwüste Meisterwerke der Natur. Ikonische Kakteen und der Grand Canyon prägen die Dramaturgie einer cineastischen Kulisse. Mitunter helfen Menschen ein wenig nach: F.L. Wright baute gemeinsam mit dem Wind Meilensteine der Moderne. James Turrells grösstes Land-Art-Werk rahmt den Himmel mit Hilfe eines Kunstkraters ein.

 

Kunst in der Wüste: James Turrell's Roden Crater at Sunset, 2009, Color Carbon Print, Courtesy © Häusler Contemporary München/Zürich

Kunst in der Wüste: James Turrell’s Roden Crater at Sunset, 2009, Color Carbon Print, Courtesy © Häusler Contemporary München/Zürich

 

Text Robert Haidinger  Fotos Amanresorts, The Boulders, Sanctuary on Camelback Mountain, Four Seasons, Shutterstock  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published kultuhr 43, 2014

 

Es gab einen Moment im Leben des Dale Shewalter, da wurde die Erdkugel eine Gerade, und er spazierte direkt auf ihr dahin. Es passierte am Mogollon Rim, dem südlichsten Ausläufer des grossen Colorado-Plateaus, der Arizona wie eine grosse Treppe trennt. Ponderosa-Pinien wachsen hier, und die geologischen Schichten liegen wie ein verrutschter Stapel Pokerkarten da.

Dale hatte Elche gesehen an diesem Tag, später an der Stelle gerastet, wo die Apachen 1882 eines ihrer letzten Rückzugsgefechte geliefert hatten. Dann war das Ende des Highline Trails erreicht, der einzelne Ranches verband, und Dale lief auf Hardscrabble Mesa zu. Und den nächsten Tag auf Racetrack Mesa. Dann Crackerjack Mesa, Deadman Mesa, einfach immer weiter, ein wenig wie Tom Hanks in Forrest Gump. Denn das eigentliche Ziel stand längst fest: Eine Route quer durch Arizona, von Mexiko nach Utah. Ein Weg, der Wüsten, Berge und Schluchten verbinden sollte, gottverlassene Höfe und Menschen.

Dale Richard Shewalter war, der ungefähren Reihe nach: talentierter Wrestler, US-Marine in Vietnam, später diplomierter Geologe an der Northern Arizona University sowie Hobby-Viehzüchter auf seiner kleinen Timberline Ranch. Vor allem aber war er eine Art Visionär mit Wanderschuhen. Deswegen kennt man ihn in Arizona heute unter einem Namen: „Father of the Arizona Trail“.

Zu den ganz „grossen“ Long Trails der USA gehört der Arizona Trail mit 1288 Kilometern nicht. Doch der Scan der passenden Reise-Garderobe lässt spontan anderes vermuten. Desert Boots UND Bikini? Ja, doch. Einmal Rucksack mit alles – das hat schon seine Richtigkeit. Denn der neue Trail fädelt Klimazonen auf wie ein Fieberthermometer Grade. Solche, die mal an Mexiko erinnern und dann an Kanada. Heisse Wüsten, schroffes Winterwetter auf verschneiten Gipfeln, die lila Adern des berühmtesten Canyons der Welt – Arizona ist eine Landschaft im Delirium.

 

© Shutterstock

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Die bunteste Wüste der Welt
Legen wir also besser gleich noch eine Vision nach – und zwar jene vom stacheligen Paradies des Jack W. Dykinga, seines Zeichens Pulitzer-Preisträger, vor allem aber Besitzer einer Grossformat-Kamera, die er monatelang durch die südliche Sonora-Wüste schleppte. Dann, wenn der Schnee die riesigen Saguaro-Kakteen wie Puderzucker überstäubte. Und im Frühjahr, wenn die knochentrockenen Böden vom Farbenrausch der Blüten vollgesogen leuchteten. Mr. Dykinga, der als einer der grössten Landschaftsfotografen in die Kulturgeschichte eingehen sollte, setzte die bunteste Wüste der Welt so farbenprächtig in Szene, dass man ihr trockenes Naturell bis heute fast vergisst. Der ganz im Süden Arizonas gelegene Saguaro-Nationalpark ist Teil davon: Mehrarmige Monster-Kakteen, die zärtlich zu Eulen und Schwalben sind – obwohl oder gerade weil ihnen die Piepmätze in alle Falten kriechen. Eine gierige Sonne, die gnadenlos alles Wasser verschluckt, aber den stacheligen Büschen allabendlich fahlgelbe, weiche Gegenlicht-Pyjamas überzieht. Schlecht gewählt ist dieses Arizona-Entrèe nicht. Das gilt wohl auch für die benachbarten „Sky Islands“ Santa Ritas, Rincon oder Huachuca Mountains: Gebirge, die wie Spukgebilde aus der Wüste aufragen. Dass sich mit Tombstone die Mutter aller Goldgräberstädtchen aus dem nahe gelegenen Staub schält, passt perfekt dazu. Patinierte Saloons, die ewig aufgewärmte Geschichte vom legendären „Shootout“ der Revolverhelden Wyatt Earp und Doc Holliday, die Etablissements der Goldrausch-Ära – Arizonas Süden hat auch das auf Lager.

Cinemascope-Country
Kenner des sechstgrössten US-Bundesstaates verwundert diese geballte Ladung Wildwest kaum. Denn Arizona ist ein sonderbares Land. Archaisch und wie von einer anderen Zeit. Mit einer wüsten Geologie, die mal spitze Sandstein-Zähne zeigt und die ein paar staubige Meilen weiter dicke, weiche Dackelfalten zieht. Ockergelbe Canyons, in denen Wind und Wasser den Feinschliff besorgen, rillen sich wie begehbare Skulpturen ins Land – passend für Einsamkeit jeder Couleur. Kein Wunder, dass sich Film-Regisseure und -Helden hier seit jeher auf die Stiefelspitzen steigen. Arizona, das ist ja auch: „Planet der Affen“ und der Parkplatz, von dem aus sogar „Thelma & Louise“ kurz ergriffen in den Grand Canyon starren. Wo Hitchcock „Psycho“-Horror ins suburbane Milieu übertrug, und „Easy Rider“ hinreichend Dope überall hin. Weit früher, ab 1939, mimten Arizonas Old Tucson Studios die Kulisse für „Bonanza“, und für John Wayne-Klassiker wie „Rio Bravo“. „John Ford’s Point“ im grandiosen Monument Valley – die Lieblingsperspektive des Regisseurs – mögen nun die Schau-Weber vom Navajo-Stamm besetzen. Bloss zur „Location“ wurde Arizona dabei nie. Eher schon zu einer Art Lebensgefühl. Sperrig, auf sich selbst bezogen und pur. Genau: Pioniere und Heilsbringer fühlen sich hier besonders wohl.

 

 

Raum für Utopien
Auch Roy Walford hatte eine Vision (und ausserdem einen texanischen Ölmagnaten an der Angel). Was das Duo zustande brachte, kann heute jeder sehen, der an der südlichen Arizona-Metropole Tucson – absolutes Must: das pastellfarbene Adobehäuser-Würfelspiel des alten Barrio Historic District – zunächst die Interstate 10 nimmt, dann die State Route 77, und sich schliesslich vor einer Arche Noah der Neuzeit einquietscht. Die Arche heisst „Biosphere 2“ und sieht aus wie eine Stufenpyramide Richtung Zukunft. Sie versucht sich an der Erschaffung einer zweiten Welt in Form eines in sich abgeschlossenen Ökosystems, das tropischen Regenwald, Mangrovensumpf und Wüste umfasst – aber auch freiwillig eingeschlossene Langzeit-Probanden.

Die Welt unterm Glassturz ist freilich kein Arizona-typisches Phänomen. Im Idealfall verschmelzen Kultur und eindrucksvolle Landschaftskulisse nahtlos ineinander – so wie die bizarren Felsformationen und die sandfarbigen Relikte der altindianischen Architektur von Mesa Verde. Oder wie das moderne Lifestyle-Ensemble von angesagten Resorts wie „The Boulders“ nördlich von Phoenix – jenem Patchwork aus Golfrasenstücken und vom Wind rund geschmirgelten Steinblöcken, die nun wie Riesenmurmeln neben archaischen Luxus-Suiten liegen. Der berühmte Architekt F.L. Wright erkannte das natürliche Potenzial Arizonas ein ganzes Jahrhundert früher: „Wind und Sonne sind geschätzte Mitplaner“, notierte er im Jahre 1910, als ihn die Suche nach der perfekten Umgebung in eine flache, baumlose Landschaft führte, in der in den 30ern phantastische Bauten wuchsen: Taliesin West, nordöstlich der Hauptstadt Phoenix. Architektonisches Wüstengestrüpp hat der Parade-Modernist hierher verpflanzt, das die Skelettraster aus staubig roten Holzbalken nun reizvoll rhythmisiert. Es sind Bauten, die auf vorlautes Gehabe verzichten – und gerade deswegen mit jeder Nische präsent sind: Flach ja, geduckt nein. Scharfwinkelig ja, seelenlos nein. Denn die zerklüfteten Berge finden sich in Form von planen Natursteinmosaiken wieder – unter anderem. „Breaking the Box“ hatte der Erfinder des „Prairie Style“ seine Suche nach einer offenen Bauform genannt, die alles untereinander in Beziehung setzen soll: Arizonas offene Himmel, die klingende Farbe seiner spitzen Steine, die Stille der staubigen Ebenen davor. Man glaubt es den Guides gerne, wenn sie davon erzählen, dass die Wurzeln der ikonischen Saguaro-Kakteen als Vorbild für die Verankerung seines – leider nie gebauten – Mile High Skyscrapers dienten.

Vom Kunstkrater zur Eso-City
Auch Land-Artist James Turrell, der bekannteste Vertreter der experimentellen „Light and Space Generation“ der Sixties, arbeitet sich an so einer besonderen Arizona-Verankerung ab – vorzugsweise mit Bagger und Licht. 1,3 Kubikmeter Erde wurden allein für Roden Craters Phase 1 verschoben. Der erloschene Vulkankrater – rötlich schimmernd und von dürren Sträuchern überwuchert, breit wie Manhattan und hoch wie das Chrysler Building, zugleich Turrells Land-Art-Lebenswerk – tut dabei vor allem eines: Er rückt Dimensionen zurecht. Solche von der Wüste und vom Sternenhimmel Arizonas. Von Menschen und von der Rahmenhandlung der Marke Ewigkeit.

Bei Flagstaff, nicht allzu weit vom Vulkanfeld der San Francisco Peaks, der Roden Crater-Gegend, flackert Arizona nervöser. Hier kreuzt das psychedelische Neon-Flimmern der mythischen Route 66 den Weg. Und bei Sedona speist Amerikas grösste Eso-Tankstelle New Age-Hungrige. Sieben besondere Kraftfelder sollen hier, im Herzen des Red Rock Country, spirituelle Höhenflüge fördern.

Sedona liegt 24 km südlich von Flagstaff, am Ausgang des Oak Creek Canyon im Verde Valley. Zu weiteren Scenic-Heulern ist es da nicht mehr weit. Da wären die lila und ockergelben Adern des imposanten Grand Canyon – wie ein offenes Buch der Geologie liegen die Gesteinsschichten entlang des Desert View Drive da. Grandview Point, Havasu Falls, Maultierritt entlang des Bright Angle Trails, Colorado River Rafting oder Gedränge am Grand Canyon Skywalk – die Vermarktung des grössten Naturwunders der USA hält da locker mit. Wobei: Auch kleine Schluchten gehen im Copper State unter die Haut. Das beweist die surreale Welt der oft gerade mal schulterbreiten Slot Canyons bei Lake Powell. Versteinerte Falten im Wüsten-Souterrain lassen dann die Erosion in allen Farben schillern: Rubinrot und Buddhistenkutten-Orange, in blauschwarz schimmernden Schatten und als ätherische Lichtsäulen, die wie Star-Trek-Schwerter in enge Himmelsspalten stechen – der Antelope Canyon bei Page ist der berühmteste davon.

 

 

Arizona Trip Tipps.

Anreise

Internationale Flughäfen sind Phoenix (skyharbor.com) mit Anschluss zu über 100 internationalen und US-Zielen sowie der in Süd-Arizona gelegene Tucson International Airport (www.flytucsonairport.com). Zahlreiche Verbindungen über die Drehscheiben Dallas, Denver, Miami u.a. mit Lufthansa, Air France, KLM, American Airlines, United. Spannende Alternative: Direktflug Frankfurt – Las Vegas mit www.condor.com.

Reisezeit

Viel Sonne (Phoenix verzeichnet 325 Sonnentage), noch mehr Hitze, aber trotzdem keine „falsche Reisezeit“: Dank Wüsten- und Halbwüstenklima, das im Norden in ein Steppenklima übergeht, sowie Höhenlagen bis weit über zweitausend Meter findet sich in jedem Monat eine „perfekte“ Zeit. Hauptreisezeit für die Wüste im Süden ist November bis Februar. Besonders spektakulär: Die Blütezeit im April. Die Nähe der Rocky Mountains sorgt übrigens für hohe Tag-/Nachtschwankungen von 15 Grad.

Art & Architektur-Tour

www.franklloydwright.org – Infos für den Besuch von Taliesin West

www.arcosanti.org – Architekt Paolo Soleri verbindet hier moderne Bauweise und Spiritualität – und bietet Workshops zum Thema an.

www.smoca.org – Das 1999 gegründete Scottsdale Museum of Contemporary Art konzentriert sich auf zeitgenössische Kunst, Design und Architektur.

Info

Arizona Office of Tourism:
Luisenstr. 4, 30159 Hannover,
Tel. +49 (0)511 899 890 0
www.arizonaguide.com
www.arizonareise.de

Hotel-Tipps

Das unmittelbar östlich von Phoenix gelegene Scottsdale gilt als „Desert Fifth Avenue“: Der Cluster herausragender Boutique-Hotels verfügt über 200 Golfplätze. Dazu zählen die Luxus-Golfer-Enklave „The Boulders“ (www.theboulders.com), das im altindianischen Stil gestaltete „Four Seasons Resort Scottsdale at Troon North“ (www.fourseasons.com/scottsdale) oder das Spa-Resort „Sanctuary on Camelback Mountain“ (www.sanctuaryoncamelback.com). Ein historisches Architekturjuwel ist das bereits 1929 eröffnete, von F.L. Wright beeinflusste „The Biltmore“ (www.arizonabiltmore.com). Ebenfalls eine Klasse für sich: Das knapp jenseits der Grenze im benachbarten Utah gelegene Designerhotel „Amangiri“ (www.amanresorts.com/amangiri).

 

 

Robert Haidinger: Einmal rundum und wieder retour.

 

© Robert Haidinger

© Robert Haidinger

 

In Asien kann einem Europäer leicht schwindlig werden. Menschenmassen ohne Ende, fremde Gerüche, Lärm, alles scheint zu pulsieren. Robert Haidinger liebt beides. Die unglaubliche Dichte Asiens wie auch die nahezu menschenleere Weite Arizonas, die er für uns erkundet. Robert Haidinger, 1963 in Wien geboren, lebt als Autor und Fotograf mit den Schwerpunkten Design, Architektur und Reisereportage den Traum des modernen Nomaden. Seine über 700 Reportagen wurden u.a. in hochkarätigen Titeln wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Abenteuer & Reisen, Elle Deco, Domus, La Republicca etc. veröffentlicht. Sein abgeschlossenes Studium der Geschichte, Ethnologie und Publizistik hat ihn perfekt auf das vorbereitet, was seither seinen Lebensrhythmus bestimmt: Er ist dauernd auf Achse. Schreibt und fotografiert, hat zahlreiche Reisebücher über Indien, Sri Lanka und Bali herausgegeben und mit seiner Ausstellung zum Thema „Basic Soccer – Strassenfussball in aller Welt“ auch als Fotograf bereits für Aufsehen gesorgt.