DER ZUKUNFT AUF DER SPUR

Theresa Schleicher, 30, Zukunftsforscherin, ist eine moderne Fährtenleserin. Ihr Fachgebiet ist die Markenkommunikation und der Handel in digitalisierten Zeiten. Für das Zukunftsinstitut in Frankfurt am Main, einen der einflussreichsten Think-Tanks der europäischen Trend- und Zukunftsforschung, ist die Diplom-Kommunikationswirtin stetig auf der Suche nach weltweiten Trends. Wir haben uns mit Theresa Schleicher über die digitale Zukunft und neue Regeln für den Handel unterhalten.

 

Text Eva Engel  Foto Zukunftsinstitut Foto- und Textredaktion agenturengel  Published Bonus 01, 2016

 

Frau Schleicher, stirbt der klassische Einzelhandel aus?

Definitiv nein. Der Handel lebt von Erlebnissen, Produkten zum Anfassen und echten Begegnungsstätten. Nicht ohne Grund eröffnen viele Onlineshops gerade eine reale Begegnungsfläche, so wie Amazon stationäre Lebensmittelgeschäfte. Wichtig wird es aber, auch im stationären Handel im Kern digital zu denken. Soll heißen: flexibler, offener, interaktiver und kundenzentrierter. Der Handel muss sich als datengetriebenes, offenes Unternehmen verstehen – egal, ob dann die Präsenz am Schluss on- oder offline ist.

Wie sind die Tendenzen weltweit gesehen?

Online sind die Retailer auch global gut aufgestellt. 2016 liegt die E-Commerce-Penetrationsrate in Deutschland bei 73,3 Prozent, in Österreich bei 70 Prozent, in den USA dagegen nur bei 65,1 Prozent. Angeführt wird das Ranking von Großbritannien mit 80,5 Prozent und Japan mit 74,1 Prozent. Online-Händler sind hierzulande experimentierfreudig und innovativ. Das ist gut, aber gleichzeitig steigt auch in vielen Ländern die Nutzung stationärer Flächen. Ein Entweder-oder ist für viele Händler einfach keine Frage mehr.

Was muss beachtet werden, wenn man einen Onlineshop eröffnet?


Trends, die schon seit vielen Jahren im Markt dominieren. Qualität, Kreativität & Inspiration und teilweise sicherlich auch Exklusivität – hinzu kommt ein gutes Handwerk in der User-Experience, also seinen Shop möglichst einfach für die Kunden aufzubauen und dann durch ein gutes Suchmaschinen-Marketing sichtbar zu machen.

Hohe Mieten und leere Innenstädte machen es Neueinsteigern nicht leichter. Was raten Sie einem Händler, der erstmals ein Geschäft eröffnet?



In kleineren, weniger frequentierten Städten ist es für stationäre Einzelhändler sicherlich schwieriger. Hier profitieren einige kleinere Einzelhändler in Kooperation mit großen, reichweitenstarken Online-Plattformen, wie zum Beispiel die erfolgreiche Aktion von eBay und den Händlern von Mönchengladbach: www.ebay.de/rpp/mg. Die Händler bekommen dadurch internationale Präsenz und einen weiteren, vernetzten Kanal, während eBay ein Stück an Nähe und Persönlichkeit gewinnt. Kreativität und Markenbewusstsein sind wichtiger denn je.

Welche Sparten werden nach wie vor von realer Verkaufsfläche profitieren, welche eher nicht?



Das ist schwierig pauschal zu beantworten. Beinahe jede Branche hat Potenzial für einen Erlebniswert und atmosphärische Inszenierung, die durch den stationären Handel getragen werden. Vielmehr ist es heute eine Frage, für welche Zwecke ein Unternehmen einen realen Ort bieten muss und wann und für welche Zwecke es mehr Sinn macht, online zu ergänzen. Samsung beispielsweise hat in New York vor kurzer Zeit einen großen Store eröffnet, der lediglich Bilder der Fotokameras inszeniert – und kein einziges Produkt.

Der Internethandel hat auch die Art des Bezahlens verändert. Wie werden Kunden ihre Einkäufe, Restaurantbesuche etc. in Zukunft bezahlen?



Das Bargeld wird in Zukunft immer mehr zur gewollten Mangelware. Denn die digitalen Zahlungssysteme sind mittlerweile für die Kunden so intuitiv und einfach eingerichtet, dass sich immer weniger die Bereitschaft abzeichnet, regelmäßig Bargeld herumzutragen. Ein weiterer Treiber sind neue Geräte wie Wearables, die ebenfalls einen Kanal zur digitalen Bezahlung liefern.

Dienstleistungen können nur schwer online verkauft werden. In welchen Bereichen ist das aber dennoch heute schon so?


Tatsächlich ist der Dienstleistungs-Sektor ein großes Spielfeld für digitale Player. Angestoßen von Car-Sharing und Co werden in Zukunft immer weniger physische Produkte, sondern Services verkauft. Digitale Ware kann besonders einfach und mithilfe von Kundendaten persönlichen Mehrwert liefern.