Des Seemanns heilige Ruh Von sinkenden Schiffen und tapferen Passagieren

Heute Nacht, Hohentwiel, wird ein Traum angespült, und der glaubt, er erfüllt sich bei dir, Hohentwiel. Heute Nacht, Hohentwiel, hängt die Hoffnung an dir, wie die Fahne am Mast, auf dem windstillen Pier.

 

Literatur auf See von Michael Stavarič  Foto Yves Noir  Foto- und Bildredaktion agenturengel  Published nobleSee 02, 2012

 

Erinnert ihr euch an das Meer? Die großen Seen und ihre sich kräuselnden Oberflächen, ich meine, denen sieht man nichts an, das ist schon eine Klasse für sich, diese Teilnahmslosigkeit der Seen und Meere, sogar die wenigen noch umher treibenden Körper werden beiläufig in alle Winde zerstreut, um so gar keinen Verdacht aufkommen zu lassen. Aber der Reihe nach, warum denk ich immerfort in Untergängen?

Ich, der vor dem Schlafengehen seine zerzausten Haare kämmt, sich die Hände wäscht, gähnt, ja doch, zugegeben, ein umsichtiger Vorstandschef hätte noch eine Presseerklärung abgegeben, aber wer bin ich denn, mir ist sie noch heilig, meine Bettruhe. Und wenn man mich jetzt schockfrieren würde (wie Gemüse), ich müsste mir nie wieder Gedanken machen.

Ob auf untergehenden Schiffen noch jemand Lust hat darauf, wenn allen klar wird, dass sich nichts mehr wiederholen, dass es bald endgültig vorbei sein wird? Überlegungen, wie ich mich wohl verhalten hätte, ein Mensch, der sich rein gar nichts Böses denkt. Ich gehe davon aus, nicht alleine an Bord zu sein, mir fällt auch sofort auf, dass meine (aller Wahrscheinlichkeit nach) weibliche Begleitung in einem Rettungsboot sitzt (in welches ich sie heldenhaft bugsiert habe), während mein Leben sich aufmacht, nun an mir vorüberzuziehen. Ich würde wohl einfach die Nächstbeste fragen, taktvoll, allerdings bestimmt: Madame, unser letztes Stündlein hat geschlagen, es mag frivol klingen, doch wollen wir uns nicht vertiefen, bevor … innerlich versetzt sie mir eine schallende Ohrfeige, vertiefen ist natürlich ein starkes Stück, wie so oft steckt der Teufel im Detail. Zweiter Versuch, ein paar Kabinen weiter südwärts, Madame, in Anbetracht unserer Lage (die Betonung fällt dabei auf das Wort unserer), wollen wir nicht vergessen, vergessen lassen, ungeschehen wohl nicht, diese Unpässlichkeit, ihr etwas Schönes, Ausuferndes entgegenhalten, einen wilden, ekstatischen Moment … ausufernd, autsch, was wäre das bloß für ein Mensch, den ich abgegeben hätte, nicht auszudenken.

 Als ich zum ersten Mal von all den untergegangenen Schiffen der westlichen Welt hörte, ich nehme an, es war unmittelbar nach meiner Ankunft in Europa, hat mich das nicht weiter beschäftigt, ich sah keinen weiteren Zusammenhang. Viel später erst habe ich realisiert, dass all diese Dinge wirklich geschehen waren, Menschen waren auf den Seen und Meeren gestorben, es hat die Geschichte der Welt für immer verändert.

Ein Schiff im Sturm, treibt auf den Wellen,
es ist in Not, es wird zerschellen,
ich muss hinaus, so lass mich gehen,
kann nicht mehr am Hafen stehen.

Ich kann nicht behaupten, für Schiffskatastrophen eine besondere Schwäche zu haben, es ist nur so, wann immer ich mit Wasser in Berührung komme, da geht irgendwo ein Schiff unter, man kennt das, versehentlich aus Unachtsamkeit eine Kerze ausgeblasen, schon hat die Welt einen Seemann weniger. Sie übertragen ohnehin alles im Fernsehen, einen Untergang nach dem anderen, Unfälle in Zeitlupe, Slow-Motion, ganz langsam geht die Welt plötzlich flöten, bei Schiffen wird dies besonders deutlich.

Später dachte ich an die Titanic, was für ein Gefühl es sein muss, abzusacken in diese andere Welt, in der die Lungen versagen, Wasser ist Leben, nicht hier und jetzt, beinahe schwerelos die Gedanken, man wähnt sich auf dem Mond, irgendwo weit unten die Erde unter dicken Korallenkrallen. Noch ein paar Gedanken, wenn ich nur Zeit genug hätte, mir alles gut zu überlegen, aber die Luft wird knapp, man kommt an die Reihe, verdammt, hätte ich nicht so viel Rum getrunken, etwas gegen mein Asthma getan, das rächt sich.

Kurz nach zwei Uhr löste sich der erste Schornstein, fünfzig Tonnen fielen qualmend zu Wasser, welch ein Stapellauf, harmlosen Passagieren auf den Kopf, allen voran John Astor, der das alles gar nicht glauben mochte. „Sicher habe ich Eis bestellt, aber das hier ist lächerlich“, seine letzten Worte, ebenso keck wie bedeutungslos. Die verkohlte Leiche konnte später anhand eines Diamantringes identifiziert werden, einhundertfünfzigtausend Dollar steckten dem Mann noch in den Hosentaschen, etwas Kleingeld für die Nacht, den Fährmann.

Auf der Titanic mühten sich kräftige Matrosen an den Seilwinden, die Rettungsboote zu Wasser, los Jungs, schneller, aber nur vier der ersten Kähne waren voll belegt. Im ersten aller Boote saßen achtundzwanzig (junge) Frauen, vorwiegend blond, alle anderen Plätze blieben leer, weil sich etliche Damen nicht durchringen, einzusteigen, ob es denn wirklich nötig sei, der Commodore beließ es bis zuletzt bei der Freiwilligkeit, freier Wille, wenn nicht jetzt, wann dann.

Die Zeit des Abschieds, Time Gentleman, Isidor Strauss, der wohlhabende New Yorker, zog sich mit seiner Gattin Isa in die Kajüte zurück, sie meinte noch gutgläubig, wenn es das Schicksal so will, nun denn. John Astor (da lebte er noch) wandte sich in aller Höflichkeit an den Zweiten Offizier, ob er denn wenigstens seine schwangere Frau zu einem der Boote begleiten könne, aber es hieß nur, man habe ganz andere Probleme. John war gebürtiger Deutscher, der es bis zum Amerikaner brachte, in jener Nacht reichte das allerdings nicht. Woraufhin er seiner Frau galant die Hand küsste, sie sanft umarmte und von dannen ging, während umstehende Damen seufzten: Was für ein Mann. Insgesamt blieben vierhundertsiebenundneunzig Sitze in den Rettungsbooten frei.

Später schaffte es die California doch noch an Ort und Stelle, Kapitän Lord spähte in die Runde, in seinen Memoiren hielt er Jahre danach fest: Nichts erinnerte mehr an die Titanic, ein paar Bretter, Deckstühle, Kisten trieben im Wasser, es sah fast so aus, als wäre ein alter Fischdampfer untergegangen. Dennoch, er nahm die Mütze ab und salutierte.

 

Michael Stavarič

Geboren am 7. Januar 1972 in Brünn, ist ein mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneter österreichisch-tschechischer Schriftsteller und Übersetzer. Sein Werk umfasst Gedichte, Romane, Essays und Erzählungen sowie Kinderbücher. Er verbindet das Surreale mit dem Absurden, das Groteske mit dem Ironischen.