Die rosa-blaue Möbelstunde: Jedem das seine

Text Tanja Pabelick  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published tRAUM 01, 2014

 

Möbel für Kinder definieren sich nicht nur über weiche Faktoren wie eine fröhliche Farbe, sondern auch über knallharte, wie die Proportion. Was aber ist mit den Geschlechterzuweisungen? Sofas für die Dame, Schränkchen für den Herrn, gibt es das überhaupt? Oder sind das nicht Geschmacksfragen? Generell wird das Interesse fürs Interieur stärker den Frauen zugeschrieben. Über Männer-Möbel wird als Satellitenthema diskutiert, das eine bisher ausgegrenzte Zielgruppe ins Visier nehmen soll. Schnell sind dann auch die Klischees an der Hand: Chesterfield-Sessel wie aus dem Gentlemen-Club, kühles Glas, glänzendes Chrom und Leder. An der viel demokratischeren Realität geht das vorbei. Die Schnittfläche zwischen dem, was Männer mögen und dem, was Frauen gefällt, ist groß. Glücklicherweise – denn so können wir uns mit dem Partner und den Möbeln verstehen. Außerhalb der Gemeinsamkeiten allerdings findet sich Interessantes mit eindeutigem Bezug: Technikaffine Lösungen oder Motorrad-Zitate vermögen verstärkt Männer anzusprechen, Frisiertische erfüllen feminine Bedürfnisse. Letzteres, lange aus dem Blickfeld geratenes Möbel feiert derzeit übrigens eine Renaissance und sendet nebenbei eine Botschaft: Klassisches und Klischeebelastetes kann zeitgemäß interpretiert neue Leichtigkeit bekommen.

 

 

Juliette_Ligne Roset

mag Frau

Verschlossene Grazie

Produkt: Juliette
Designer: Evangelos Vasileiou
Hersteller: Ligne Roset
Webseite: www.ligne-roset.de

Die zeitgenössische Frisierkommode ist ein Möbel-Chamäleon. Ihre Talente verbergen sich bei geschlossener Klappe in einer Anrichte.

Wenn es ein Möbel gibt, das die Nutzung durch das andere Geschlecht quasi ausschließt, dann ist es der Schminktisch. Diese moderne Interpretation mit dem bereits sehr femininen Namen Juliette kommt von Ligne Roset und bringt das praktische Talent mit, sich auch als herkömmliches Sideboard tarnen zu können. Der unbedingt notwendige Spiegel verbirgt sich in einer Klappe, die mit dem Öffnen Aktionsraum bereitstellt. Utensilien wie Töpfchen, Tiegel, Kämme und Schmuck finden auf der Abstellfläche eine Heimat. Sollte das Bedürfnis nach einer aufgeräumten Erscheinung aufkommen, wird der Deckel geschlossen. Juliette ist aus warm wirkendem, amerikanischem Nussbaum gefertigt und steht auf vier schlanken Stahl-Beinen, die der Hersteller gar mit „einer eleganten Frau auf Stilettos“ vergleicht.

 

 

Hi-Fi Module © Montana

mag Frau

Farbenfrohe Akustik

Produkt: Hi-Fi Module
Hersteller: Montana
Webseite: www.montana.dk

Große Töne aus unsichtbaren Boxen, die den Blick aufs Wesentliche lenken: Die Farbe des Regalkorpus.

Männer zeigen ihre Dezibel gern als prominente Box oder ansehnliche Stereoanlage. Frauen mögen es genauso laut, aber nur wenn es um die Akustik geht. Optisch bevorzugen sie die leisen Töne. Montana bietet Regal-Komponenten an, die mit Verstärker, Radio und Boxen ausgestattet sind. Das Sound Unit spielt Musik vom Computer oder Smartphone via Airplay drahtlos ab. Zu sehen ist von all der Technik nichts – sie verbirgt sich hinter Gewebeeinsätzen in den Fächern. Die ganz große Wahl bietet sich bei den Farben: 49 Nuancen stehen zur Wahl.

 

 

Hooked © Buster+Punch

mag Mann

Licht am Haken

Produkt: Hooked
Designer: Buster + Punch
Hersteller: Buster + Punch
Webseite: www.busterandpunch.com

Die Zutaten zur Leuchte Hooked lesen sich wie die vorderen Ränge einer Wunschliste. Eine Prise Gibson ist drin – und eine Handvoll Harley.

Oft sind es die Legenden, die Geschichten schreiben. Und die des Londoner Designstudios Buster and Punch geht so: Es war einmal eine Garage im Osten Londons, in der Massimo Buster Minale seine Leidenschaft fürs Individualisieren entdeckte. Es begann mit Motorrädern, führte über Lederjacken und endete mit Möbeln und Lichtobjekten. Heute produziert und entwickelt die Firma in einer weitläufigen Werkstatt, an die ein luxuriöser Showroom angeschlossen ist. Die motorisierten Zweiräder sind den Objekten allerdings noch anzusehen. Die Leuchte Hooked baumelt am namensgebenden Kupfer-Haken, ihre Fassung ist vom Lautstärkeregler einer Gibson-Gitarre abgeleitet und der matte Gummi lässt an die Reifen einer Harley Davidson denken. Kurz: Licht mit der Lizenz zum Rock’n’Roll.

Leadchair © Walter Knoll

mag Mann

Klare Konturen

Produkt: Leadchair
Designer: EOOS
Hersteller: Walter Knoll
Webseite: www.walterknoll.de

Eine dynamische Linie und elegante Flächen machen Walter Knolls Leadchair zum ergonomischen Rundumtalent: Ob als Chefsessel, Konferenz- oder Besucherstuhl.

Dunkles Leder und Chrom sind traditionell Chefsache. Während klassisches Executive-Mobiliar die Position seines Besitzers auch über das Gewicht kommuniziert, ist der passend getaufte Leadchair von Walter Knoll gertenschlank. Damit trifft der Stuhl eine klare Aussage: Modernes Understatement. Es ist aber nicht nur die präzise Silhouette, die überzeugt. Fünf Jahre hat der Hersteller das sanft nachgebende Gestell entwickelt. Wie aus einem Guss fließen die Formen von Fußkreuz, Drehsäule und Armlehnen ineinander, die stützende Wirkung des Rückens ist individuell einstellbar. Beeindruckend ist auch das elegante Polster aus weichem Leder, das die Sitzschale modelliert.

 

 

Colonnade © Marsotto Edizioni

mag Mann

Tiefenrausch

Produkt: Colonnade
Designer: David Chipperfield
Hersteller: Marsotto Edizioni
Webseite: www.marsotto-edizioni.com

Marmor ist so schön wie schwer. Die Qualität des adrigen Natursteins liegt in der von Jahrhunderten gezeichneten und äußerst widerstandsfähigen Oberfläche.

Marmor erlebt im Möbeldesign derzeit ein Revival. Dabei beschränken sich die Entwürfe keinesfalls auf kleinere Objekte oder einzelne Parts, sondern treten in durchaus imponierender Gestalt auf. Der italienische Hersteller Marsotto ist Wegbereiter dieser Entwicklung. Der in der Nähe von Verona produzierende und auf Carrera-Marmor spezialisierte Hersteller hat zusammen mit James Irvine 2009 Marsotto Edizioni gegründet und lädt seither renommierte Gestalter ein, Möbel aus dem schweren Naturstein zu entwerfen. Während sich die Kollektion in den ersten Jahren homogen in Weiß präsentierte, gibt es jetzt auch eine Special Edition in Schwarz. Das allein qualifiziert sie aber noch nicht als für den Mann prädestiniertes Möbel. Vielmehr ist es so, dass ohne den Beistand des starken Geschlechts die Tische, Regale und Beisteller schier unverrückbar sind.

 

 

Vakka © iittala

mag Frau

Getarnter Stauraum

Produkt: Vakka
Designer: Aalto + Aalto
Hersteller: iittala
Webseite: www.iittala.com

Eine Alternative zu Pappkartons und Plastikcontainern: Stauraum aus dem hohen Norden für ganz viel Kleinkram.

Das Vorgängerprinzip zu unserer heutigen Gesellschaftsform war das Jagen und Sammeln. Dabei blieb das Sammeln meist den Frauen überlassen. Diese Geschichte hinterlässt Spuren bis in die zeitgenössischen Wohnstuben. Die Beute indes hat sich verändert und braucht ein Zuhause: Schuhe, Schals, Schmuck wollen gut verstaut sein. Das finnische Designer-Paar Aalto + Aalto hat für die erste kleine Möbel-Kollektion des Herstellers iittala einen Bugholz-Container entworfen, der dekorativ einzeln stehen oder zu Etagen gestapelt werden kann. Mehrere Kisten werden zum Beistelltisch und mit dieser Doppelfunktion zum versteckten Archiv.

Casper © Perludi

mag Kind

Hoch hinaus

Produkt: Caspar
Hersteller: Perludi
Webseite: www.perludi.com

Zwischen vier und vierzehn Jahren wachsen Kinder 70 Zentimeter. Tisch Caspar schießt synchron in die Höhe – und wird für jüngere Geschwister wieder kleiner.

Kleine Menschen brauchen kleine Möbel, große Menschen große Möbel. Und das ist der Kern eines grundlegenden Problems: Einmal rausgewachsen, landen die Miniaturen schnell auf Dachböden und in Kellern. Perludi hat einen Tisch im Programm, der nicht so schnell aus dem Leben fällt. Denn Caspar wächst mit. Die Beine lassen sich durch den Massivholzkorpus schieben und über Kautschukringe in verschiedenen Positionen fixieren. So kann die Tischplatte nicht nur in die Höhe wachsen, sondern auch schräg gestellt werden. Im integrierten Tischfach finden Schätze, Geheimnisse und andere Siebensachen praktischen Stauraum.

 

 

Petstools © Hanna Emelie Ernsting

mag Kind

Pflegeleichte Mitbewohner

Produkt: Petstools
Designer: Hanna Emelie Ernsting
Hersteller: Hanna Emelie Ernsting
Webseite: www.hannaernsting.com

Eine humorvolle Alternative zum Fußhocker, der seine Tage im Kinderzimmer und seine Abende vor dem Fernseher verbringen kann.

Sie haben Schwänzchen, Schnäuzchen und Öhrchen, tragen Rosa, Steingrau oder eine sanfte Braunnuance und stehen auf ihren vier steifen Beinen erwartungsvoll im Raum herum. Die Petstools von Hanna Emelie Ernsting sind Dienstleister der Gemütlichkeit. Sie wickeln ihren warmen Hals um kalte Füße, geben Sitzenden sanft nach. Sie laden zum Spielen ein, verändern ihre Form, senken den Blick zum Boden, recken ihren Hals. Viel haben wollen sie dafür nicht: Die vier lustigen Charaktere müssen nicht gefüttert werden, maunzen, bellen oder quieken nicht. Gefertigt werden sie in einem deutschen Familienunternehmen, die dicken, weichen Bezugsstoffe stammen aus einer niederländischen Weberei und bestehen fast ausschließlich aus gestrickter Wolle.