Ein Wandermönch räumt auf Schatzinsel Reichenau

„Reichenau, grünendes Eiland, wie bist du vor andern gesegnet, Reich an Schätzen des Wissens und heiligem Sinn der Bewohner, Reich an des Obstbaums Frucht und schwellender Traube des Weinbergs: Immerdar blüht es auf dir und spiegelt im See sich die Lilie, weithin erschallet dein Ruhm bis ins neblige Land der Britannen.“

So begrüßte Abt Emmerich von Ellwangen im 9. Jahrhundert seine Insel.

 

Inselporträt von Irmgard Kramer  Fotos Achim Mende  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published nobleSee 02, 2012

 

Woher der Wandermönch Pirminius kam, weiß man heute nicht mehr – vielleicht aus Irland, vielleicht aus Gallien. Fest steht, dass er den christlichen Glauben unter den Alemannen verkünden wollte und bestimmt schon eine beschwerliche Reise hinter sich hatte, als er im Jahr 724 mit vierzig Mönchen auf die Reichenau kam. Diese erschien damals alles andere als lieblich: Statt Kopfsalat wucherte ein undurchdringlicher Urwald mit dornigem Gestrüpp. Durch das düstere Dickicht sollen unzählige giftige Schlangen, Kröten und Gewürm gekrochen sein. Der Legende nach entsprang an der Stelle, die Pirminius zum ersten Mal mit seinem Fuß berührte, eine Quelle. Mit ihr setzte eine Massenflucht ein: Drei Tage lang floh sämtliches Ungetier von der Insel und stürzte sich in die Fluten des Bodensees. Dem künftigen Heiligen wurde die Kraft zugeschrieben, das Böse zu vertreiben.

Er ließ den Urwald roden, machte die gerodete Insel zu einer reichen Aue und gründete im Jahr seiner Ankunft ein Benediktinerkloster, welches über vier Jahrhunderte das wichtigste religiöse, geistige und kulturelle Zentrum des Heiligen Römischen Reiches war.

 

Ankunft im Paradies

Um auf die Insel zu gelangen, fährt man über einen Damm durch eine traumhafte, scheinbar nicht mehr enden wollende Pappelallee – eine Reise in eine zauberhafte Welt. Sofort spürt man altes Kulturland, das seit mehr als tausend Jahren bewirtschaftet wird: dank des milden Klimas und des Föhnwinds der Alpen. Der Wind bläst das Wetter schneller über den Bodensee heran als anderswo. Von einem sanften Hügel blickt man erhaben rundum. Gleißende Glashäuser, gestreifte Felder, wie naive Malerei – kitschig und bunt. Spazierwege führen an uralten Wegkreuzen vorbei zu den drei Kirchen, vor denen Mohn- und Sommerblumen in einer Streuwiese blühen. Verträumte Spaziergänger denken jetzt vielleicht an Goldmarie, die ihre Spule im Brunnen verloren hat und nun durch ein Märchenland wandert, um Tomaten zu pflücken, weil sie schon lange reif sind.

 

Kultiviertes Gemüse

Hundert Gemüsegärtner ernten hier jährlich 14 000 Tonnen Tomaten, Gurken, Blatt- und Feldsalate und Pflanzen mit wohlklingenden Namen wie Lollo Rosso, Spitzpaprika und Kugelzucchini. Das Loblied auf die Reichenau schallt weit über den Bodensee, bis hinein in den Bregenzerwald, wo in jedem Supermarkt Gemüse von der Reichenau in den Regalen leuchtet. Kein schlechtes Gewissen mehr: Der Anfahrtsweg ist kurz, das Vertrauen groß. Schädlinge werden mit Florfliegen und Schlupfwespen bekämpft. Während europaweit die meisten Gewächshäuser mit Chemikalien entseucht werden, dampft auf der Insel Reichenau trotz Wettbewerbsnachteil eine mobile Maschine: Spezialfolien bedecken den Boden und der heiße Wasserdampf tötet pflanzenschädliche Bakterien, Pilze und Unkraut. Durch die Zufuhr von Riedgras stellen sich natürliche Mikroorganismen rasch wieder ein – kein Klärschlamm, keine tierischen Abfälle. Der Bio-Anbau nimmt zu: Von der Reichenau kommen Bio-Fenchel, -Radicchio, -Kohlrabi und mehr. Im Märchenland ist alles gut und so betritt Goldmarie schließlich ihre Lieblingskirche: St. Peter und Paul in Niederzell, eine doppeltürmige romanische Kirche, betrachtet die erstaunlich gut erhaltenen Fresken und beginnt sich dann doch für die Geschichte zu interessieren.

 

Kirchenmänner mit genialem Auftrag

Die Reichenauer Äbte fungierten als Prinzenerzieher, Diplomaten, Bischöfe und Gesandte. Sie hatten Einfluss auf Politik, Architektur, Literatur und Musik. Über die Grenzen berühmt wurden die Goldschmiedekunst und die Reichenauer Malschule, deren Buchillustratoren wahre Meisterwerke schufen. Bis zu zwanzig Kirchen erstreckten sich in der Blütezeit über die viereinhalb Kilometer lange und eineinhalb Kilometer breite Insel. Mit den Biografien einiger Mönche ließen sich spannende historische Romane füllen. Zwei dominieren die Insel noch heute an jeder Ecke: Walahfried Strabo und Hermann der Lahme.

 

Der Stephen Hawking des 11. Jahrhunderts

Von frühester Kindheit an spastisch gelähmt, war Hermann der Lahme an einen Tragestuhl gebunden. Vielleicht war das der Grund für die Eltern, ihn in die Obhut des Klosters zu geben, als Hermann sieben Jahre alt war. So geschehen im Jahr 1020. Abt Berno, selbst ein bedeutender Wissenschaftler und Dichter, erkannte dessen geistige Fähigkeiten und förderte ihn intensiv. Von Dienern abhängig, konnte Hermann kaum schreiben und musste seine Werke diktieren, was genauso mühsam war, da er nur schwer verständlich sprach. Trotzdem entwickelte er sich zu einem der größten Gelehrten, galt für seine Zeitgenossen als Universalgenie und als das „Wunder unseres Jahrhunderts“. Auf unterschiedlichsten Gebieten brachte es Hermann zu bahnbrechenden Leistungen: Er verfasste eine Lehrschrift zum Gebrauch des Abakus, korrigierte mithilfe eines Astrolabiums die Berechnung des Kalenderjahres, machte astronomische Instrumente der westlichen Welt zugänglich, konstruierte eine Taschensonnenuhr, beschäftigte sich intensiv mit Musiktheorie, entwickelte in einer Zeit, da Töne und Tonfolgen kaum bekannt waren, eine Notenschrift, vertonte eigene Dichtungen und schrieb sein bekanntestes Werk: die „Chroniken“, eine von Christi Geburt an reichende Weltgeschichte. Ihm zugeschrieben wird das berühmte „Salve Regina“, das noch heute weltweit gebetet und gesungen wird. Mit seinem Tod 1054 endete die Blütezeit des Klosters Reichenau. Noch achthundert Jahre sollte es dauern, bis die letzten Mönche die Insel wieder verließen. Belohnt wurde diese imposante Periode im Jahr 2000 von der UNESCO, die der Klosterinsel den Weltkulturerbe-Status verlieh.

 

Hortulus, das Kräutergärtlein

Was der Mönch Walahfried Strabo wohl zu den 150 Tonnen Kräutern gesagt hätte, die die Reichenau heute jährlich liefert? Basilikum, Petersilie, Schnittlauch, Zitronenmelisse, Majoran, Oregano, Dill, Kresse, Bohnenkraut, Blutampfer, Borretsch, Estragon, Kerbel, Koriander, Liebstöckel, Minze, Pimpernelle, Rosmarin, Salbei, Sauerampfer und Thymian auf einem Butterbrot wecken die Lebensgeister. Heute wie damals. Strabo schrieb in 444 Versen sein Lehrgedicht „Hortulus“ (Gärtlein) über Heilkräuter, Küchen und Zierpflanzen.

Der Wahlafried-Strabo-Garten hinter der größten der drei Klosterkirchen ist eine originalgetreue Rekonstruktion aus dem neunten Jahrhundert – lediglich der Schlafmohn wurde gegen eine „harmlose“ Ziermohnvariante ausgetauscht. Besonders ist der Klostergarten wegen seiner mittelalterlich-strengen Gliederung mit acht rechteckig angeordneten Innenbeeten, umgeben von halb so großen weiteren 16 Beeten, die alle in Holz gefasst sind. Und jedes Beet ist mit nur einer Art bepflanzt, so dass insgesamt 24 verschiedene Heilkräuter zu sehen und zu riechen sind. „Strabo“ heißt „Schieler“. Der Mönch bekam diesen Beinamen, weil er trotz eines Augenfehlers hervorragend beobachten konnte. Aus Alemannien stammend, wurde er mit fünfzehn ins Kloster aufgenommen, das er nie wieder verließ.

 

Mainau Insel Cruise

Die Reichenau liegt im Untersee, im kleineren der beiden Seen des Bodensees. An der schmalsten Stelle überspannt die Rheinbrücke Konstanz den Seerhein und lässt nur extrem flach gebaute Schiffe in den Untersee passieren. Die Hohentwiel ist für diese Durchfahrt unter der Brücke zu groß gebaut. Als besonders schöne Inselfahrt steht die „Mainau Insel Cruise“ alljährlich auf dem Hohentwiel Fahrplan.

 

Die Landschaft ist licht und hübsch. Sie sollten einmal kommen.

Hermann Hesse über den Untersee