Künstlerinsel von Gottes Gnaden Halbinsel Höri

„Als Gott die Welt erschuf, formte er zuerst die Kontinente, die hohen Berge und die großen Flüsse. Er schaute sich sein Werk an und war zufrieden. Dann glitt sein Blick über den Bodensee und blieb am Untersee hängen. Die Erde zwischen Stein am Rhein und Radolfzell formte er besonders schön und sagte: Jetzt ‚höri’ uf.“

 

Inselportrait von David Malik  Fotos Bernhard Huber, Günter Wilhelm, Michael Häfner, Roman Knorz, Oliver Hegenbarth, Christian Langfeld, Tourismus Stein am Rhein  Foto- und Bildreaktion  agenturengel  Published nobleSee 04, 2014

 

Halbinsel Höri? Noch nie gehört. Wo soll das sein? Am Untersee? Ach so, das ist am anderen Ende, dort, wo ich mich nicht auskenne, irgendwo hinter Konstanz, wo sich der See verzweigt wie die Schwanzflosse eines Fisches. Ich reserviere ein Zimmer im Hotel „Haus Stern am See“ in Gaienhofen und stelle erste Recherchen an.

 

Heimliche Muse

Die Halbinsel Höri nennt man eine Landzunge zwischen Stein am Rhein und Radolfzell, drei Hauptorte mit etlichen Ortsteilen gehören dazu: Öhningen, Gaienhofen und Moos. Das milde Seeklima und der dunkle Moorboden begünstigen den Gemüseanbau, der die Landschaft prägt. Künstlerinsel wird die Höri genannt. Hermann Hesse war hier, schrieb viel, baute sich mit seiner ersten Frau Mia ein eigenes Haus in Gaienhofen, bekam drei Söhne und Besuch von Musikern, Malern und Schriftstellerkollegen wie Stefan Zweig. Zu Kriegszeiten kamen Max Ackermann, Erich Heckel und Otto Dix, um wegen ihrer „entarteten Kunst“ notfalls in die nahe Schweiz flüchten zu können.

 

Fachwerk und Bratwurst

Ich nähere mich der Höri „von hinten“ über die Schweiz, zweige bei Frauenfeld ab, fahre über die Steiner Brücke, wo sich der Rhein vom Untersee losreißt und den Rheinfällen entgegenfließt. Eigentlich müsste der Fluss an dieser Stelle „Rhaus“ heißen. In Stein am Rhein kriege ich einen Romantikschock. Die geballte Ladung aus Fachwerk, Mansardendächern, Erkern, Fassadenmalerei und Glockentürmchen wirft mich auf nüchternen Magen fast um. Die Ampel zeigt rot. Ich komme vor einer Metzgerei zu stehen, gönne mir eine Bratwurst in einem bemalten Haus. Die Metzgerei „Villinger“, auch Bären-Metzgerei genannt, soll berühmt sein.

 

Soldatenheim und Atelier

Nach Stein reißt der Verkehr ab. Hinter Bäumen glänzt das Marbacher Schloss mit seiner 700-jährigen Geschichte. Nach Kriegsende besetzte es die französische Armee als Erholungsheim für Soldaten. Die Ruine kaufte 1987 Jacobs Suchard aus Zürich. In einer der Nebenkammern wohnte zu jener Zeit der Maler Schori Jedelhauser. Seine Schulden in den Kneipen beglich er mit Gemälden von Hähnen. Obwohl er längst tot ist, erinnern sich die Einheimischen schmunzelnd an das perfekt gemalte Federvieh von „Schnorri“. Die Handwerker, die das Schloss Marbach renoviert hatten, wohnten viele Monate im „Stern am See“.

 

Sterne am See

Der Wirt Matthias Stern nimmt mir den Koffer ab. Er macht die Betten, während er Frühstückseier kocht und erzählt davon, dass diese Ecke immer noch wenig bekannt sei. Auf der Höri gibt es kaum Arbeitsmöglichkeiten. Künstler, Pensionisten und Reiche leben hier. Kurz sanken die hohen Grundstückpreise, nach der Lehman-Pleite, davon profitierte Matthias Stern und konnte sich für seine Familie ein kleines Häuschen kaufen, das er jetzt renoviert – im Sommer braucht er jedes Gästezimmer. Meines liegt an der Ecke, umgeben von Wasser.

 

 

Geschichten aus „Andy’s Paradies“

Die Kneipe nebenan führt seit dreißig Jahren Bruder Andy Stern. „Es gibt nur eine Vesperkarte“, entschuldigt er sich. Das geräucherte Felchenfilet schmeckt köstlich, vor allem aber das Panorama beeindruckt mich. Hier treffen sich die Bootsfahrer, Seetaxis, Kapitäne und Wasserskifahrer. Vor allem aus der Schweiz kommen sie, trinken bei Andy ein kühles Bier und unterhalten sich über das, was auf der Höri so los ist.

Über den 83-jährigen Bäcker Kupprion etwa, der die besten Brötchen bäckt, aber um zehn Uhr ausverkauft ist. Über die in Indien geborene Heike Seegebarth mit ihrer Ayurveda-Praxis, zu der sie aus der ganzen Welt pilgern. Und über Udo Lindenberg, der schon wieder im Seerestaurant „Schlössli“ gewesen sei, bei den 5000 Jahre alten Pfahlbausiedlungen. Mit dem Porsche Cayenne sei Lindenberg gekommen und habe schon wieder kein Bargeld dabei gehabt, auch sein Bodyguard nicht, der äußerlich zwar ein Querschläger, aber sonst ganz friedlich sei. Nur noch dänische Kronen habe Lindenberg in seiner Geldbörse gefunden, die Umrechnerei habe etwas gedauert. Seit Lindenberg 1969 „Siddhartha“ gelesen habe, verehre er Hesse, der ihn zu einem seiner ersten Texte inspiriert habe. Wahrscheinlich sei Lindenberg wieder im Hesse-Haus gewesen.

 

Hesse überall

Auch ich trete durch die Holztür in das Hesse-Haus aus blau bemalten Schindeln. Hier wohnt heute das Ehepaar Eberwein, das dieses Haus vor dem Abriss bewahrt und gekauft hatte. Für sorgfältig aufbereitete Sonderführungen öffnen sie manchmal ihre Türen.

Außerdem gibt es in Gaienhofen noch das Hermann-Hesse-Höri-Museum und das Hesse Bauernhaus zu besichtigen. Acht Jahre lebte der Schriftsteller auf der Höri, tippte sich die Finger wund und legte einen Bauerngarten mit Rosen- und Fliederbüschen, mit Iris, einer Sonnenblumenallee und viel Gemüse an. „Ich bin der einzige in Gaienhofen, der Maschinen schreiben kann, und fingere jeden Tag recht viel“, schrieb Hesse 1908. Schreibmaschine und Schreibtisch kann man bewundern.

 

„Zum Kotzen schön“

Gesättigt von Museen wandere ich viele Kilometer den reizvollen Uferweg entlang, fotografiere wie der Teufel: das Schilf, den Kanufahrer, die knorrigen Bäume, deren Äste über mir zusammenschlagen und das Abendlicht im aufsteigenden Nebel. Wasservögel flattern, tschilpen und pfeifen. Abends sitze ich auf der Terrasse. Ein Schwanenpaar gleitet über die Wasseroberfläche. Wellen schmatzen gegen den Bootsanleger. Die orangen Lichter der Leuchttürme blinken entlang des Ufers. Der Föhn fährt durch die Weide und ich schäme mich, bis heute nichts über die Höri gewusst zu haben.

Otto Dix sagte über die Insel: „Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh. Es ist zum Kotzen schön.“ Das denke ich mir, als ich am nächsten Tag, Ende Oktober bei 25 Grad, vor der alten Kirche in Horn den schönsten Ausblick von der Höri auf mich einströmen lasse: Weinberge im goldenen Herbstlicht, die Reichenau und am Horizont, weit hinter Konstanz, die flimmernden Alpen. In diese Richtung breche ich auf. Hinter Moos verlasse ich die Höri durch eine Pappelallee. Der Verkehr ist wieder da. Ich überlege mir, diese Zeilen ganz schnell zu löschen, nicht dass dieses Paradies sonst noch jemand entdeckt.

 

Den Puls des eigenen Herzens fühlen.
Ruhe im Inneren, Ruhe im Äußeren.
Wieder Atem holen lernen, das ist es.

Christian Morgenstern