Kunst-Werk-Uhr. 175 Jahre Patek Philippe.

Die Zeitmesser der Genfer Luxusuhren-Manufaktur Patek Philippe werden von Königinnen, Päpsten und Staatsoberhäuptern getragen. Ihre Kreationen sind komplizierte, mechanische Kunstwerke, die aus der Verbindung moderner Technologie und traditioneller Uhrmacherkunst entstehen. Das Unternehmen ist bis heute ein unabhängiger Familienbetrieb geblieben und setzt seit 175 Jahren auf Stil statt Zeitgeist.

 

Text Markus Böhm  Fotos Patek Philippe  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published kultuhr 44, 2014

 

Es reicht meist aus, den Namen Patek Philippe nur zu erwähnen, um die Augen von Uhren-Aficionados zum Leuchten zu bringen. Es heisst nicht umsonst: „Es gibt Luxusuhren und es gibt Patek Philippe.“ Dieses Bonmot verdeutlicht den Weltruf eines Familienunternehmens, das in den 175 Jahren seines Bestehens Massstäbe in der Haute Horlogerie gesetzt und die Geschichte der Uhrmacherei wesentlich mitgeschrieben hat. Dieser legendäre Ruf speist sich aus Präzision und Tradition. Gemäss dem Firmencredo ihrer Gründer baut sie nicht nur die besten und schönsten Uhren, sondern auch die kompliziertesten Uhrwerke der Welt, die aus bis zu 1.728 Einzelteilen bestehen.

 

© Patek Philippe

© Patek Philippe

 

Kompliziert ohne Kompromisse

Ingenieure und Uhrmacher der Manufaktur widmen sich den horologischen Komplikationen, jenen Funktionen, die über die Anzeige von Stunden, Minuten und Sekunden hinausgehen: Ewige Kalender, Tourbillons, Chronographen, Zeitzonenanzeigen, astronomische Indikationen wie Sternzeit, Mondphasen, Sternkarten, und natürlich den Schlagwerkuhren mit Minutenrepetition, Grande und Petite Sonnerie, Westminsterschlag, die als Krönung der komplizierten Uhren gelten. Solche Komplikationen sind äusserst schwer zu realisieren, was ihre Stückzahl auf natürliche Weise beschränkt. Aber gerade diese Limitation macht sie so begehrt.

Das verlangt höchste Qualität in jeder Hinsicht: Bei der Fertigung der Einzelteile und ihrer Montage, der aufwendigen Dekoration von Uhrwerksteilen auf Vorder- und Rückseite. Bei der Fertigung und Veredelung der Gehäuse aus Gold, Platin oder Edelstahl. Bei der Ausbildung des Verkaufspersonals und dem Kundendienst. Wer sich davon überzeugen möchte, dem sei ein Besuch des Patek Philippe-Museums im Genfer Plainpalais-Quartier ans Herz gelegt, wo es kostbar verzierte und mechanisch hochkomplizierte Kreationen zu bewundern gibt.

 

 

Schicksalhafte Begegnungen

Die Erfolgsgeschichte des Traditionsunternehmens beginnt mit der Begegnung zweier polnischer Exilanten in Genf: Antoni Norbert de Patek und François Czapek. Gemeinsam gründen der Kaufmann und der Uhrmacher am 1. Mai 1839 Patek, Czapek & Cie – Fabricants à Genève.

Obwohl von Anfang an erfolgreich, überwerfen sich die Gründer und Patek hält bald nach einem neuen Partner Ausschau. Diesem begegnet er 1844: Jean Adrien Philippe. Der begabte französische Uhrmacher hat einen Mechanismus zum Aufziehen des Uhrwerks und Stellen der Zeiger ohne separaten Schlüssel erfunden.

 

Kongeniale Partner

Innerhalb kürzester Zeit wird deutlich, dass sich mit Patek als gewieftem Geschäftsmann und Philippe als genialem Uhrmacher zwei ideale Partner gefunden haben. Am 1. Januar 1851 wird die gemeinsame Firma „Patek, Philippe & Cie“ getauft. Von Patek kommen die Impulse für künstlerische Perfektion, die die Uhren mithilfe aufwendiger kunsthandwerklicher Bearbeitung mit Gravuren, Emaillierungen und kostbaren Edelsteinen in luxuriöse Kunstwerke verwandeln, während Philippe mit seinem uhrmacherischen Ehrgeiz die Technologie dahinter kontinuierlich weiterentwickelt und die Entwicklung von Komplikationen ständig vorantreibt.

Diese Ambitionen werden die Marke auf ihrem Weg durch die Geschichte prägen und begleiten. Die Philosophie, die Uhr als eine in sich geschlossene Gesamtheit zu betrachten, wird im 21. Jahrhundert durch das Patek Philippe Siegel (seit 2009) bekräftigt, dessen Reglement als Manufaktur-Verfassung erstmals schriftlich niederlegt, was seit jeher für alle Patek Philippe-Uhren gilt.

Patek und Philippe fertigen Uhren für Europas Adel: Sie kreieren zum Beispiel 1868 für eine ungarische Gräfin die allererste Schweizer Armbanduhr, fertigen die erste komplizierte Damenuhr mit Fünfminuten-Repetition und die erste Armbanduhr mit Schleppzeigerchronograph, also mit einem zweiten Sekundenzeiger. Selbst Queen Victoria verfällt den Kreationen von Patek Philippe und erwirbt 1851 die zierliche Anhängeuhr Nr. 4719 mit Diamantrosen auf blauem Email für sich und für ihren geliebten Prinzgemahl Albert die Taschenuhr Nr. 3218 mit Chronometer-Hemmung und Viertelrepetition.

 

 

Leuchtender Stern in finsteren Zeiten

Eine Zäsur bahnt sich mit dem Börsencrash von 1929 an. Die Manufaktur geht beinahe pleite. Als Retter in der Not erweist sich die Zifferblatthersteller-Familie Stern, die eine freundschaftliche Beziehung zu Patek Philippe pflegt: Sie übernimmt das Haus – und leitet es bis heute. Zum ersten Mal ist Patek Philippe im Besitz einer einzigen Familie, die sich bei ihren unternehmerischen Entscheidungen ganz auf das langfristige Wohl der Firma konzentrieren kann.

Mittlerweile ist mit Thierry Stern die vierte Generation aus der Familie Stern am Ruder: „1932 haben mein Urgrossvater Charles Stern und sein Bruder Jean die Zügel bei Patek Philippe übernommen. Charles‘ Sohn Henri Stern, mein Grossvater, und mein Vater Philippe Stern haben in mir die Leidenschaft geweckt, dem Credo der Firmengründer treu zu bleiben und fortzufahren, die besten Uhren der Welt zu entwickeln und herzustellen. Ich freue mich, die Tradition von Kreativität und Innovation fortzuführen, für die unsere Manufaktur einen legendären Ruf geniesst“, sagt er.

 

Patek Philippe folgt dem eigenen Takt

Unter der Führung der Familie Stern macht sich Patek Philippe daran, wie zuvor bei den Taschenuhren auch bei Armbanduhren zum führenden Hersteller komplizierter Zeitmesser zu werden. Als unabhängige Manufaktur geniesst das Unternehmen völlige kreative Freiheit, die ihr das Entwerfen, Entwickeln und Herstellen von Uhren erlaubt, die für Kenner als die besten der Welt gelten.

Noch im Jahr 1932 wird mit der Ref. 96 ein Uhrenmodell lanciert, das als Prototyp der mittlerweile legendären Calatrava-Kollektion in die Geschichte eingehen wird. Ihr Gehäuseund Zifferblatt-Design folgt konsequent dem Bauhaus-Credo „Die Form folgt der Funktion“.

 

An allen Fronten aktiv

Bei aller Liebe zur Tradition verschliesst man sich aber nicht der Innovation. 1977 übernimmt Philippe Stern den Chefsessel. Er baut die stark handwerklich geprägte Manufaktur in eine industrielle Manufaktur um. Er weiss, dass die klassische mechanische Uhr gegen die präziseren und wesentlich günstigeren Quarzuhren nur dann eine Zukunft haben kann, wenn sie ein Produkt der höchsten Güteklasse, besser: ein Kunstwerk und Sammlerstück ist.

Zum 150-jährigen Jubiläum entwickelt die Manufaktur den kompliziertesten tragbaren mechanischen Zeitmesser der Welt: die Calibre 89 mit 33 Komplikationen, die bis heute nicht übertroffen ist. Parallel dazu wird das automatische Armbanduhrwerk mit Minutenrepetition Kaliber R27 entwickelt, das die Zeit ohne störende Nebengeräusche mit fantastischem Klang anzeigt. Die Versteigerung der ersten Calibre 89 setzt mit 4,6 Millionen Schweizer Franken einen neuen Auktionsrekord für Zeitmesser.

 

Mutig in die Zukunft

Zu ihrem 175. Geburtstag präsentierte sich die Marke auf der Baselworld 2014 in einem neuen, spektakulären Pavillon. Seit fünf Jahren im Amt, obliegt es nun Thierry Stern, die Tradition der Familie erfolgreich fortzusetzen, die die Manufaktur vor über achtzig Jahren in ihrer grössten Krise übernommen hatte, unerschrocken durch die politischen Wirren des Zweiten Weltkriegs führte, die Bewährungsprobe der Quarz-Revolution bestanden hat und mit nahezu 2.000 Mitarbeitern zur wichtigsten und grössten unabhängigen Familienmanufaktur aufgestiegen ist.