Die perfekte Welle. Von Hand gefertigte Skier aus den Alpen.

Vor hundert Jahren fingen sie in Holzschuppen an zu tüfteln, bevor sie die ersten Skifabriken gründeten. Helden wurden von Sieg zu Sieg geschickt und machten ganze Länder, vor allem aber die Industrie glücklich. Dann starben die Gründerväter. Familienbetriebe wurden geschluckt von riesigen Konzernen. Heute erobern Individualisten die Hänge. Neue kleine Firmen, fernab jeder Massenproduktion, erfüllen deren Wünsche und betreten die Bühne handgemachter Luxusmarken. Es darf von vorne losgehen.

 

Text Irmgard Kramer Fotos Core, Indigo  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published kultuhr 44, 2014

 

 

Core – Custom Made Swiss Skis

 

Es regnet. Veronika Jud-Frei parkt ihr Auto in Davos-Wolfgang und läuft mit ihrem jungen, starken Hund auf den Gipfel. Das hält sie fit. Sie ist die wohl einzige Frau mit einer eigenen Skimanufaktur. Sonnenstrahlen brechen durch die Wolken und zaubern einen Regenbogen auf den Himmel. Farben und ihre richtige Kombination haben im Leben der Wahl-Bündnerin einen wichtigen Stellenwert. Auf der Skipiste sieht sie viel zu oft „Krut und Rübli“ – Skihose, Skischuhe und Ski gehören kombiniert. „Frauen haben es lieber einheitlich. Das sieht man schon am Rot ihrer Fingernägel“, sagt Veronika Jud-Frei und lacht.

Sie war Skilehrerin und vertrieb jahrelang die amerikanische Skimarke K2 in der Schweiz. Den Preiskampf empfand sie als schrecklich: „Ständig riefen erboste Kunden an und beschwerten sich, dass ein Ski im Sportgeschäft nebenan billiger sei.“ Als sie dann von der Firmenleitung erfuhr, dass der Vertrieb künftig wieder aus den USA gesteuert wird, verlor sie zuerst den Boden unter den Füssen, packte dann aber die Gelegenheit am Schopf und gründete in einem Alter, in dem andere bereits ans Aufhören denken, 2006 ihre eigene Skimarke.

 

Nur keine Massenware

„Core“ ist das englische Wort für Kern. Der Name bestärkt das Image eines „schlichten Skis ohne Firlefanz“, sagt Mirco Auer. Er ist zuständig für die Entwicklung und den Verkauf. Der studierte Geograph war Skicross-Weltcupfahrer. Als ihm Veronika Jud-Frei im Zieleinlauf von ihren Plänen erzählt, war er sofort begeistert und stieg ein. „Mirco kann fühlen, wann ein Ski richtig gut ist“, sagt sie. Ergänzt werden die beiden nur von einer Buchhalterin. Das Büro befindet sich im Dorf Klosters in einem alten Walserhaus, wo Veronika Jud-Frei auch wohnt. Im Kachelofen brennt ein Feuer. Besprechungen finden in der Küche bei Kaffee statt. Mirco Auer tüftelt unten in der Werkstatt, einem ehemaligen Pferdestall, der gleichzeitig als Lager dient. Pferde sind die zweite Leidenschaft von Veronika Jud-Frei. Sie züchtet Galopprennpferde in einem Gestüt am Bodensee. Alles, was schnell ist, liebt sie. Das war schon so, als sie noch Skirennen in der Zürcher Juniorenmannschaft fuhr.

 

Gipfelgespräche

Eines Tages wedelte Veronika Jud-Frei in St. Moritz über die Piste und sah plötzlich einen schwarzen Ski aus Carbon. So einen hatte sie sich immer vorgestellt. Sie verfolgte den Ski, quetschte den Fahrer aus, fragte im Sportgeschäft nach und bekam eine Manufaktur in Chiavenna genannt. Was sie dort an Handwerkskunst sah, beeindruckte sie sehr. Leider wollte der Besitzer nichts von ihren Produktionsplänen hören. Sie gab nicht auf und kam immer wieder. „Nein, wir produzieren für niemand anderen Ski“, hiess es. Sie liess ihren Charme so lange spielen, bis sie der Besitzer zum Mittagessen einlud. Wenige Minuten später landete ein Helikopter vor der Manufaktur und flog sie auf einen Gipfel. Etliche Rotweine und Grappas später willigte er ein. Seither produziert die Manufaktur in Chiavenna für kurze Zeit im Jahr Ski von Core – Mirco Auer liefert die Negativformen und andere spezielle Materialien.

 

Eine Vision wird wahr

Nur alle drei Jahre wechselt Core die limitierte Kollektion. Kein Stress mehr, sich jede Saison neue Ski kaufen zu müssen, um up to date zu sein. Kein Schwarzhandel mehr, der den Markt kaputtmacht. Keine Qual einer viel zu grossen Wahl. Nur noch „Muscle Car GT“. So heisst der neue Supercarver von Core. Sein mattschwarzes Design und die knallig gelbe Seitenwand gehören zum Edelsten der Saison und erfreuen begnadete Slalom-Spezialisten, passionierte Cross-Carver und waghalsige Freerider gleichermassen. Die Ski kosten zwischen 1.600 und 3.000 Schweizer Franken, je nachdem, ob sie aus Titan, Carbon oder Polyamid gefertigt sind.

Während Billig-Skiverkäufer im Advent mit schwitzenden Nasen an den Scheiben kleben und sehnlichst nach Schneeflocken Ausschau halten, weil sonst das Geschäft für die ganze Saison hin ist, blickt Veronika Jud-Frei Weihnachten entspannt entgegen. Ihre Ski sind nachhaltig und werden während der ganzen Saison gekauft. Sie profitiert von meisterhafter handwerklicher Qualität. Das spezielle Fahrvergnügen liess schon viele Zweifler in wahre Begeisterungsstürme ausbrechen.

Und inzwischen liefert Core eine kleine Auswahl an Ski nach Aspen, Vail und New York. Dafür ist ein Engländer verantwortlich, der sich selbst als grösster Fan bezeichnet: „These skis are my passion.“

 

 

Indigo – Handmade in Germany

 

Als Gregor Baer und Thorsten Schwabe 1988 in einer kleinen Werkstatt ihre ersten Snowboards aus Eschenholz zimmerten, ahnten sie nicht, dass sich aus Einzelstücken für gute Freunde bald ein internationales Skisport-Label entwickeln würden, das vom massgefertigten Skischuh über einen 180-Grad-Visor bis zum ästhetischen Helm alles liefert, was einen Skitag perfekt macht, egal ob die Piste eisig hart ist oder im Tiefschnee versinkt.

Schon früh versuchte Thorsten Schwabe seine Grenzen auszuloten. 1969 im Schwarzwald geboren, trieb ihn stets die sportliche Leidenschaft an. Mit selbst gebauten Boards setzten er und sein Freund aus Kindertagen, Gregor Baer, erste Powderturns in den Schnee, klebten in allerersten Versuchen handelsübliche Stahlkanten auf eigene Bretter und waren erstaunt, dass sie den Ritt über die Berge überlebten. Im Sommer suchte Schwabe an der Atlantikküste nach der perfekten Welle. Wasser ist das magische Element und indigoblau. Neben dem Studium der Architektur reifte die Idee, eine eigene Firma zu gründen. Gemeinsam mit Baer machte er sich auf den Weg.

 

Der wohlige Klang

Messeauftritte und ein Designpreis nach dem anderen führten dazu, dass Indigo in den Ohren begeisterter Wintersportler bald einen wohligen Klang erzeugte. „Wir sind Trendsetter in der Branche“, sagt Schwabe selbstbewusst. Dazu führte wohl auch, dass eines Tages Willy Bogner auftauchte und die beiden mit der Entwicklung des ersten hauseigenen Bogner-Skis beauftragte. Kein knallbunter Kunststoffski – schlichter Bambus erregt bis heute die Gemüter. Etwas, das in den Urwald gehört, fällt auf im Schnee.

 

Das Multitalent Bambus

Was zum Bau von Hochhäusern gut ist, kann bei Snowboards nicht schaden, dachten sich die beiden Tüftler. Vor allem aber seine Zugfähigkeit und seine langen Fasern eignen sich hervorragend, um Ski zu bauen. So bleibt die Spannung lange erhalten. „Und ein schöner Nebeneffekt ist natürlich, dass Bambus einer der am schnellsten nachwachsenden Rohstoffe der Welt ist“, sagt Baer.

Inzwischen ist die Bambuskernkonstruktion patentiert und der Bogner Ski Bamboo, der sich durch direkten Kantengriff und extreme Carvingeigenschaften auszeichnet, saust mit Nano-High-Speed über alle fünf Kontinente, auf- und abseits der Piste.