Spiel der Gegensätze

11Objekte wollen längst nicht nur mit sinnlichen Farben, Formen und Materialien verführen. Sie schaffen ebenso den Spagat, zugleich mit langlebigen Qualitäten zu punkten.

 

Text Norman Kietzmann  Foto- und Textredaktion agenturengel  Published tRAUM 1, 2014

 

Das Wohnen oszillierte lange zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite standen die Puristen: Klare, zurückhaltende Entwürfe, die zwar mit zeitlosen Werten überzeugen konnten, aber eben auch ein Stück weit trocken wirkten. Auf der anderen Seite versuchten wahre Rampensäue, die Blicke mit wilden Formen, Farben und Oberflächen auf sich zu lenken. Die Neuheiten, die auf den Möbel- und Designmessen der vergangenen Monate präsentiert wurden, wirken wie ein Schulterschluss zwischen beiden verfeindeten Lagern. Die Wilden zeigen sich plötzlich nicht mehr ganz so wild. Und die einst grauen Mäuse haben durchaus eine spielerische Seite an sich entdeckt. Der Grund für diese ungewohnte Eintracht liegt auf der Hand: Die neuen Möbel und Objekte wollen auch nur dem leisesten Verdacht, Gadgets zu sein, entfliehen und vor allem eines demonstrieren: Langlebigkeit. Weil im Wohnraum dennoch die entscheidende Spur Gemütlichkeit nicht fehlen darf, wird die puristische Form mit natürlichen Materialien wie Holz, Leder, Glas oder Metall kombiniert. Neben einer angenehmen Haptik bringen diese ebenso eine weit gefächerte Palette warmer Farben mit ins Spiel. Schließlich soll das Wohnen keineswegs allein das Gemüt ansprechen, sondern ebenso die Sinne.

 

1 / Delightfull Lamps: Botti

Blasinstrumente spielen nicht nur im Orchester eine tragende Rolle. Manchmal können sie sogar die heimischen vier Wände bevölkern. „Botti“ heißt der Entwurf des britischen Leuchtenherstellers Delightfull Lamps, der 24 Trompeten in einen musikalischen Deckenleuchter verwandelt. Dessen Korpus wird von Hand aus reinem Kupfer angefertigt und anschließend von einer auf Hochglanz polierten Goldschicht überzogen. Der Effekt: „Botti“ meistert selbst im ausgeschalteten Zustand einen glänzenden Auftritt und belebt den Wohnraum mit einer Mischung aus Skulpturalität und Jazz. Einziger Haken: Neben dem nötigen Kleingeld sollten potenzielle Käufer auch die Stabilität ihrer Decke im Blickfeld haben. Mit 16 Kilogramm ist der klangvolle Leuchter alles andere als ein Fliegengewicht.

www.delightfull.eu

2 / Cappellini: Melt Down

Skandinavisches Design steht derzeit wieder hoch im Kurs. So hoch, dass selbst die italienischen Hersteller davon dringend eine Scheibe abbekommen wollen. Wie ein solcher interkultureller Austausch gelingt, offenbart die Leuchte „Melt Down“ (2012) von Cappellini. Der Entwurf des schwedischen Designers Johan Lindstén erzeugt eine atmosphärisch-leuchtende Farbwolke unterhalb der Decke. Der Grund: Transparente, gläserne Sphären, die mithilfe vorgefertigter Formen von Mund geblasen werden, treffen in Gruppen aus jeweils sechs verschiedenen Farben aufeinander. Um den Wohnraum flexibel zu bespielen, können die Glaskugeln vom Benutzer entweder linear in einer Reihe oder als dichte Traube arrangiert werden.
www.cappellini.it

3 / Falper: Wing

Nicht allen Materialien sieht man ihre Qualitäten auch auf Anhieb an. „Cristalplant biobased“ ist ein neu entwickelter Werkstoff, der je zur Hälfte aus pflanzlichem Polyesterharz und natürlichen Mineralien hergestellt wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: Das Material ist recyclingfähig, langlebig und kann bei Kratzern oder Brandflecken leicht ausgebessert werden. Kaum weniger entscheidend sind die gestalterischen Möglichkeiten. Denn anders als mit gewöhnlicher Keramik lassen sich durchaus extravagante Formen erzeugen, wie das Waschbecken „Wing“ (2013) von Falper zeigt. Der Entwurf des Londoner Designers Ludovico Lombardi macht Schluss mit kubischer Strenge im Badezimmer und verwandelt das Händewaschen in ein dynamisches Sinneserlebnis.
www.falper.it

4 / Glass: Deep Sea

Die Tiefe des Meeres inspirierte den japanischen Designer Oki Sato alias Nendo für seine filigrane Aufbewahrungsserie „Deep Sea“ (2013). Die kleinformatigen Tische und Bücherregale werden vom italienischen Möbelhersteller Glas Italia aus thermoverschweißtem Klarglas angefertigt. Die Besonderheit der Arbeiten liegt in ihrem farblichen Verlauf. Sowohl die horizontalen Regalböden als auch die vertikalen Stützen der Tische bringen die Farben Blau und Grau in unterschiedlicher Intensität zum Einsatz. Gesteigert wird der Effekt, indem der Abstand zwischen den Glasflächen mit Zunahme der Sättigung verringert wird. Die Möbel erzeugen somit die Illusion von räumlicher Tiefe, während sich die Reflexionen der gebündelten Glasflächen gegenseitig überlagern.
www.glasitalia.com

5 / Offecct: Carry On

Ein Möbel kommt nur selten allein, befand der schwedische Hersteller Offecct und ersann eine besonders flexible Sitzlösung für den Arbeitsbereich. „Carry On“ (2013) heißt der Entwurf des Stockholmer Designers Mattias Stenberg, der einen rundum gepolsterten Hocker mit einem hölzernen Tragegriff kombiniert. „Das Möbel gibt einem die Möglichkeit, in einer Umgebung zu sitzen, in der man normalerweise nicht Platz nimmt“, bringt Mattias Stenberg seinen Gestaltungsansatz auf den Punkt. Ungewöhnlich für die Arbeitswelt mag neben einem besonders haptischen und wohnlichen Stoffbezug auch die warme Farbigkeit des Hockers erscheinen. Erhältlich in zehn verschiedenen Tönen, vermag „Carry On“ selbst auf düsteren Büroetagen einen sinnlichen Akzent zu setzen.
www.offecct.se

6 / Kartell by Laufen

Schluss mit der engen Nasszelle in klinischem Weiß: Das Badezimmer hat in den vergangenen Jahren nicht nur deutlich an Platz gewonnen. Es wird zunehmend auch mit Farbe in Szene gesetzt. Ganz in diese Richtung drängen Roberto und Ludovica Palomba mit ihrer Badkollektion „Kartell by Laufen“ (2013). Das Mailänder Gestalterpaar ersann für das Gemeinschaftsprojekt des Schweizer Badherstellers Laufen und des Mailänder Kunststoffherstellers Kartell einen atmosphärischen Rückzugsort. „Innovation, Emotion, Transparenz und Farbe“, lauten die vier Kriterien ihres Entwurfs. Anstelle von technisch-kühlen Primärfarben wird das Badezimmer mit Hellblau, Orangerot sowie warmen, erdigen Tönen in einen Ort zum Bleiben verwandelt.
www.kartell.it

7 / Lema: Popsi

Ferruccio Laviani lässt es gerne krachen. Der Mailänder Architekt und Designer entwirft Boutiquen für Dolce & Gabbana, Leuchten für Kartell oder skulpturale bis kitschig-verspielte Möbel für Emmemobili. Doch der 53-Jährige kann auch anders. Für den italienischen Möbelhersteller Lema hat er den komfortablen Lounge-Sessel „Popsi“ (2013) gestaltet, der trotz seiner ruhigen Erscheinung gekonnt aus dem Rahmen fällt. Der Grund dafür befindet sich direkt unterhalb der lederbezogenen Sitzschale: Es ist das filigrane Kreuzgestell aus verchromtem Stahl, das dem „Eiffelturm“-Fu. Von Charles und Ray Eames eine klare Referenz erweist und „Popsi“ galant über den Boden hinweg schweben lässt.
www.lemamobili.com

8 / Moustache: Temoin

Eine ungewöhnliche Art der Aufbewahrung hat der niederländische Designer Bertjan Pot für das Pariser Möbellabel Moustache ersonnen. „Ooga-Booga“ (2013) heißt das aus Eschenholz gefertigte Objekt, dessen Wandelbarkeit sich gängigen Produkt-Kategorien entzieht. Im unbenutzten Zustand erinnert „Ooga-Booga“ mit seinen nach oben ragenden Hörnern sowie angedeutetem Mund und Nase an eine afrikanische Maske. Aufgrund der kompakten Anordnung der Haken können nicht nur Jacken und Mäntel sicher verstaut werden, sondern ebenso Taschen und Hüte bis hin zu ganzen Accessoire-Serien aus dem Badezimmer. Die Botschaft: Das Objekt ist Dekoration und Arbeitstier in einem – ganz gleich, was der Benutzer daraus macht.
www.moustache.fr