Terroir trifft den Richtigen. Die besten Weingüter Frankreichs.

Frankreich ist immer noch erste Wahl, wenn es um hochwertige Rotweine geht. Doch gibt es dort nicht nur Bordeaux und Burgund, die Benchmarks setzen. Der Globalisierung zum Trotz sind viele der Protagonisten immer noch Familien, die Wein in ihren jeweiligen Regionen weiterentwickeln. Luzia Schrampf über bemerkenswerte französische Weine in Familienhand und darüber, wie brillant das traditionelle, das nicht ganz so bekannte und das natürliche Wein-Frankreich ist.

 

Text Luzia Schrampf  Foto Thienpont, Beaucastel, Matassa  Foto- und Bildredaktion agenturengel  Published kultuhr 44, 2014

 

Le Pin der Familie Thienpont, Pomerol Le Pin zählt zu den Weinikonen von Pomerol am rechten Ufer des grossen Weinbaugebietes Bordeaux. Im Gegensatz zum linken Ufer, das seit 300 Jahren für seinen Wein bekannt ist, rückte Pomerol erst vor etwa 50 Jahren in den Fokus, als die weite Weinwelt entdeckte, wie fabelhaft speziell Merlot auf diesem kiesdurchsetzten Plateau werden kann.

Der Weingarten, in dem Le Pin gedeiht, liegt mittendrin in diesem etwa 800 Hektar grossen Meer von Rebstöcken. Er gehört Jacques Thienpont und seiner Frau Fiona Morrisson MW, die ihrerseits wieder Mitglieder einer seit Generationen mit Wein handelnden Familie aus Belgien sind, deren Vorfahren es in den 1920er Jahren nach Pomerol verschlug. Die Qualität der Trauben von diesem damals kaum eineinhalb Hektar grossen Flecken war Thienpont bekannt. Also griff er zu, als die Vorbesitzerin den Weingarten 1979 verkaufte.

 

© Thienpont

© Thienpont

 

Merlot aus Pomerol

Er bezaubert durch Samtigkeit, Tiefgang und Eleganz, sofern er überhaupt je getrunken wird. Denn Le Pin ist einer der Bluechips-Weine, mit denen heute gnadenlos spekuliert wird. In einem normalen Jahrgang gibt es etwa 7.000 Flaschen des Edeltropfens, eine limitierte Menge in höchster Qualität, die seit langem ebensolche Bewertungen erhalten und dementsprechend nachgefragt sind. Sobald Bluechips-Weine einmal vom Weingut in den Handel gebracht werden, legen sie verlässlich an Wert zu. Im Falle von Le Pin kann der Ausgabepreis eines gut bewerteten Jahrgangs schon um 300 Prozent steigen, sodass eine Flasche eines jüngeren Jahrgangs etwa um 2.500 Euro gehandelt wird. Dass ihr Wein zum Spekulationsobjekt wurde, ist zwar ehrenvoll, doch würden es die Thienponts „schöner finden, wenn man ihn auch trinken würde“.

Seit 2011 wird Le Pin in einem neuen Gebäude gemacht, errichtet vom belgischen Architekten Paul Robbrecht (Robbrecht en Daem). Der Weingarten wurde durch Zukauf vorsichtig auf 2,7 Hektar vergrössert. Das Gebäude ist aus dem Sandstein der Gegend gebaut, mit einem Schieferdach, einem Betoninnenleben und funktioniert nach dem Schwerkraftprinzip: Nach der Vergärung im Stahltank fällt der Wein einen Stock tiefer in neue Barriquefässer im Keller. Gemäss dem

Thienpont-Familienmotto „Vivre caché, vivre heureux“ ist das Haus alles andere als ein schreiend auffallendes Gebäude, kaum grösser als das Wohnhaus, das an dieser Stelle stand und in dessen Garage vor 35 Jahren eine Legende entstand.

 

 

Château Beaucastel Rhône

Seit nunmehr fünf Generationen gehören die Perrins, beheimatet im Städtchen Courthézon südöstlich von Orange an der südlichen Rhône, zu den grossen Wein-Familien Frankreichs. Erste Hinweise auf die Existenz von Beaucastel datieren aus der Mitte des 16. Jahrhunderts. Der Name Perrin kam 1909 ins Spiel, als der damalige Weingutsbesitzer Pierre Tramier an seinen Schwiegersohn Pierre Perrin übergab. Heute führt die vierte Generation, Jean-Pierre und Francois Perrin, das Weingut im Sinne ihres Vaters Jacques, der 1978 starb und an der Rhône Legendenstatus geniesst. Die Brüder selbst wurden im Frühling vom renommierten britischen Weinmagazin Decanter wegen ihrer internationalen Verdienste zu den „Männern des Jahres“ gekürt. Auch die fünfte Perrin-Generation ist bereits mit sieben Mitgliedern ins Geschehen involviert – „man bündelt die Talente der Familie“, heisst es.

Bereits in den 1950ern, als der Begriff des Bio-Weinbaus noch nicht existierte, arbeitete Jacques Perrin auf Beaucastel bereits biologisch-organisch im heutigen Sinne. Seit 1974 ist man biodynamisch. Das trockene Klima und der viele Wind dieser Gegend spielt der biodynamischen Bewirtschaftung hilfreich in die Hände. Dazu kommen uralte Weingärten in Gobelet-Erziehung. Gelesen wird per Hand, verarbeitet – wie immer, wenn es um grossen Wein geht – unspektakulär in grossen Holzfässern. Dass man hier guten Gewissens von einem Ökosystem sprechen kann, liegt auch daran, dass alle Beaucastel-Weingärten rund um das Château liegen. Das Argument, dass der Nachbar nicht biodynamisch arbeitet und daher die eigenen Bewirtschaftungsrichtlinien torpediert würden, zählt somit nicht.

 

Vier Generationen für besten Roten

Umstritten ist die Methode der Erhitzung der Trauben auf 80° C, bevor sie angequetscht werden. Die Idee dahinter: Oxidation hintanzuhalten, sodass man mit weniger Schwefel auskommt sowie eine bessere Auslaugung der Geschmacksstoffe aus den Beerenhäuten erzielt. Kritiker bemängeln, dass eine konsistente Qualität so nicht möglich sei. Liebhaber der Weine sehen in Beaucastel die Quintessenz des Châteauneuf du Pape. Als eines der wenigen Weingüter verwenden sie in ihrem Châteauneuf noch alle 13 zugelassenen Rebsorten. Speziell Mourvèdre, als Rebsorte durchaus umstritten, jedoch mit grossen Meriten in einer Cuvée, ist ein Liebling des Hauses.

Die Rhône als Weinbaugebiet stand trotz Weinen wie Châteauneuf du Pape lange im Schatten der französischen Klassiker Bordeaux oder Burgund. Wenn der Stil von Beaucastel auch nicht unumstritten ist, bedeuten die Weine jedoch Rhône „in purezza“. Die Familie ist nicht nur an der Rhône aktiv. Aus langjähriger Freundschaft zwischen Jacques Perrin und der Haas-Familie, Weinimporteure in Kalifornien, entstand die Idee, im kalifornischen Klima Weine im Rhône-Stil zu machen. Daraus entstand 1987 Tablas Creek in Paso Robles. Die jüngste Kooperation brachte die Perrins in Touch mit Hollywood. Brad Pitt und Angelina Jolie taten sich mit ihnen zusammen, um aus den Rebstöcken auf Château Miraval Rosé zu keltern. Das Projekt war so erfolgreich, dass dem nun auch ein Rotwein aus der Provence folgen soll.

 

 

 

Domaine Matassa, Cotes Catalanes, Roussillon

Der Liebe wegen strandete Tom Lubbe, geboren in Südafrika, aufgewachsen in Neuseeland, auf der französischen Seite der Pyrenäen in Roussillon. Zunächst wegen seiner Liebe zum Wein, die geweckt wurde, als er mit 18 an Alexis Lichine vom Château Prieuré-Lichine in Bordeaux geriet und dort bei dessen letzter Lese von der Leidenschaft mitgerissen wurde, die Weinbereitung mit sich bringt. Lubbe, der aus einer Foodie-Familie stammt, wie er es selbst beschreibt, sah eine Zukunft im Weinmachen und studierte dennoch in Neuseeland moderne irische Literatur, arbeitete dort im Weinhandel und schloss das Studium mit einer Masterthesis ab. „Nach vielen Trinkerlebnissen und viel Lesen war ich schockiert von der Technologie-Wüste rund um Wein.“ Also suchte er nach einem anderen Zugang, den er bei Louise Hofmeyer auf ihrem Weingut Welgemeend in Paarl, Südafrika, fand. Zur Erweiterung seiner Fertigkeiten vermittelte sie ihn weiter an Gérard Gauby von der gleichnamigen Domaine in Calce im Roussillon. Gérard Gauby, bereits damals überzeugter Biodynamiker, traf in seinem Zugang zu Wein genau Lubbes Geschmack. Dazu kam die Liebe zu Natalie, der Schwester von Gauby, die ihn bis heute im südfranzösischen Calce hält. 2001 erstand Lubbe gemeinsam mit dem Neuseeländer Sam Harrop MW Clos Matassa, einen Weingarten auf Granit, Kalk und Schiefer, bepflanzt mit uralten Carignan-Rebstöcken. Er wurde zu Herz und Ausgangspunkt der Domaine Matassa.

 

Überzeugte Biodynamiker

Lubbe und Gauby glauben, dass nur ein lebendiger, gesunder, nicht mit Chemie malträtierter Boden perfekte Trauben hervorbringt, sodass sie mit nur minimalsten Eingriffen in ihrer Weinwerdung begleitet werden. Die Monokultur Wein gilt es so gut es geht aufzubrechen, sei es mit Begrünung zwischen den Rebzeilen, mit dem Pflanzen von Olivenbäumen und anderen der Region angepassten Pflanzenarten. Wein brauche auch keine Alkohol-Höchstwerte, um brillant zu sein.

In diesem Sinn wird Matassa gern der „Natural Wines“-Szene zugerechnet und Calce als zentraler Ort der Bewegung angesehen. Und dennoch ist Lubbe bei all seinen Überzeugungen alles andere als Fanatiker, sondern sieht sehr wohl die Gegebenheiten eines Jahrgangs, die bestimmte Eingriffe notwendig machen. Alle Matassa-Weine zeichnen sich durch ein vielschichtiges Spiel zwischen Kräutern, Frucht und salziger Würzigkeit aus. Sie variieren nach Farbe, Höhenlage des Weingartens und dessen jeweiligem Kleinklima und spielen vor allem im Zusammenhang mit Essen ihre Stärken so richtig aus.

Lubbes Verwurzelung in drei wichtigen Weinländern und seine offene Art, mit seinen Ideen, seinem Wissen und Menschen umzugehen, sind nur ein paar Gründe, die ihn mittlerweile zu einer Anlaufstation für junge Önologen machen, die diesem Zugang zum Weinmachen etwas abgewinnen können. In Österreich können beispielsweise Alwin und Stefanie Jurtschitsch, Matthias Warnung (Kamptal), Stefanie Renner (Renner, Gols) oder auch Moritz Herzog davon berichten, der mit Freunden in eben dieser Ecke Frankreichs das Weingut Riberach betreibt. Lubbe und sein Schwager Gauby haben mit ihren Ideen auch weitere Winzer in und um Calce angesteckt, sodass man den Ort mit all seinen Menschen durchaus als so etwas wie eine Familienzentrale sehen kann, die sich „Natural Wines“ verschrieben hat.

 

Luzia Schrampf © Heribert Corn

Luzia Schrampf © Heribert Corn

Luzia Schrampf

Der Wein hält nichts geheim.

Wenn sich Autoren in ein Thema vergraben, dann kann man ihnen meistens schon nach kurzer Zeit in puncto Fachwissen nichts mehr vormachen. Es liegt wohl am detektivischen Spürsinn von guten Journalisten, dass sie sich geradezu leidenschaftlich konsequent immer tiefer und umfassender mit einem Thema beschäftigen. Luzia Schrampf ist eine von den Medien höchst begehrte freie Journalistin mit Spezialisierung auf edle Tropfen. Sie studierte in den 1980ern Übersetzungswissenschaften an der Universität Wien. 2003 absolvierte sie die Diploma-Ausbildung des Londoner Wine & Spirit Education Trust. Über „ihr“ Thema berichtet sie regelmässig in Tageszeitungen und Magazinen. Ihre Artikel erscheinen im schweizerisch-deutschen Weinmagazin „Vinum“, in der Tageszeitung „Der Standard“, im Slow Food-Magazin „Slow“, im österreichischen Weinmagazin „Vinaria“, im deutschen Weinmagazin „Fine“ (Tre Torri Verlag, Wiesbaden), in der „Süddeutschen Zeitung“ und in der „World of Fine Wine“ London. Sie arbeitet weiters als Übersetzerin, ist Jurorin bei Gault Millau und bei anderen nationalen wie internationalen Weinbewertungen, Lektorin an der Weinakademie Österreich und hat mehrere Bücher zum Thema Wein verfasst. Für uns hat Luzia Schrampf die derzeit besten Weingüter Frankreichs besucht und erklärt, wie man den Richtigen trifft.